Buxtehude

Die Buxtehude-Verschwörung

oder

Von Bielefeld nach Kallepupa

ein Feuilleton von Bernd Mai

(Anmerkungen am Ende des Textes)

Im Gegensatz zur hinlänglich bekannten Bielefeld-Verschwörung muß es die Buxtehude-Verschwörung tatsächlich gegeben haben. Die Bielefeld-Verschwörung hat es sogar ins Fernsehen, ins Kino, auf die Bühne und auf Comic-Seiten geschafft. In dem Film „Die Bielefeld-Verschwörung“ des ZDF zum Beispiel, einer Folge der Wilsberg-Reihe, wird sie ausführlich diskutiert. Die Stadt Bielefeld benutzt sie als pfiffige Marketingidee. Die andere, die Buxtehude-Verschwörung, ist dagegen weitgehend unbekannt geblieben, und heute scheint sie vergessen.

Während die Bielefeld-Verschwörung es darauf anlegt, von einer real existierenden Stadt zu behaupten, es gäbe sie gar nicht, behauptete man bei der Buxtehude-Verschwörung, Buxtehude gäbe es wirklich, wobei niemand wußte: Gibt es Buxtehude tatsächlich? Und: Wo liegt dieses ominöse Buxtehude eigentlich? Die Tatsache, daß der Name einem Deutschen von südlich der Linie Bielefeld-Magdeburg-Berlin nicht wirklich flüssig von der Zunge gleiten will, mag dazu beigetragen haben. Wir wollen das ganze auch zeitlich etwas eingrenzen. In meiner Kindheit, das war in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, könnte sich die folgende Geschichte so oder so ähnlich zugetragen haben. Aber sie ist beinahe zeitlos, und sie könnte sich auch zehn oder zwanzig Jahre zuvor abgespielt haben, zehn Jahre später aber schon nicht mehr.

Treffen sich zwei Leipziger Räbchen in der Riemannstraße vor dem „Stehfest“. Unsere beiden Rääbch’n heißen Oskar und Paul.
„Hasd’n Stääbch’n?“ fragt Paul.
„Ja, eens, abborr das brauch’sch noch.“
Oskar zwinkert Paul zu. Der nickt wissend und zwinkert zurück. Die beiden haben kein Geld, um sich in der Kneipe ein paar Zigaretten und ein Bier kaufen zu können. Außerdem haben sie eruiert, daß Rennbahn-Willi mit seiner Clique da ist, mit dem ist nicht gut Kirschen essen, und vor ihm haben sie ein bißchen Angst, aber sie sind nicht die einzigen. Also bummeln sie runter zur Südstraße, biegen rechts ab und schlendern über den Peterssteinweg rauf zur Münzgasse. Dort liegt eine Kneipe neben der anderen. Außerdem gibt es dort eine „Bonniediele“. Sie treffen auf einen Messeonkel, der bereits mehrere Kneipen der Münzgasse hinter sich hat. Sie ziehen ihre „Hammse-ma-Feuer“-Masche ab, und danach verschwinden sie schleunigst. Der Messeonkel hat nicht bemerkt, daß er beklaut worden ist. Sie laufen eilig, aber nicht zu eilig, in Richtung Süden. Sie biegen in die Hohe Straße ein, und erst vor dem „Sonneneck“ machen sie halt. Sie schöpfen Atem und bringen ihre Kledasche in Ordnung. Dann begutachten sie im Schein der Gaslaterne ihre Beute. Es hatte sich gelohnt, und sie beschließen, ordentlich zu Abend zu essen. Sie betreten die Kneipe, und sie suchen sich einen Platz. Sie bestellen Bratkartoffeln mit Sülze, Bier und Allasch. Das Essen wird von Erna, der Mutter des Kneipers in der winzigen, schmuddeligen Küche zubereitet, und es ist bis zur Kohlenstraße hinauf für seine Güte bekannt. Als sie noch beim Essen sind, kommt die Dicke Elfi an ihren Tisch.
„Na, ihr zwee’e“, sagt sie. „Ihr gännded änner Dame ooch emma was spendiern.“ Sie stützt sich mit dem Händen auf Pauls Stuhllehne, drückt ihm ihren beachtlichen Busen in den Nacken und wackelt mit dem Hintern.
Aber Elfi wird immer ordinär, wenn sie ein paar Gläser Pfeffi intus hat. Darauf haben sie heute keine Lust.
„Hau ab, Elfi“, sagt Paul freundlich.
„Ach gomm, seid nich so!“
„Heide nich, Elfi. Vorrsuchs doch ämma da driem.“ Oskar zeigt auf den Stammtisch, dann kippt er seinen Allasch hinunter.
„Ihr seid richd’sch bleede! Ihr gommd ja noch ämma und wolld bärrschd’n! Ihr zwee Gnallgäbbe! Da gänndorr ooch glei nach Buxdehude gehn!“ keift Elfi. Dann räumt sie das Feld.

Da ist es, das Wort – Buxtehude, natürlich auf Sächsisch, mit „weichem Deh“, im Sächsischen „besiechen de Weechen de Harden“. Wohin sollen unsere beiden Räbchen Bärrschd’n gehen? Zu einem unbekannten, fiktiven, unvorstellbaren und imaginären Ort, an dem noch niemand war, von dem noch niemand je zurückkehrte, und der so weit entfernt ist, daß es einfach so sein muß, eben nach Buxtehude. Bekamen zwei Räbchen Streit, konnte es schon einmal vorkommen, daß der eine den anderen mit dem Satz „Ich drähd’sch in‘ Hindorrn, dasde bis nach Buxdehude fliesch’sd!“ einzuschüchtern versuchte. Nicht daß der andere das ernst nahm, aber das war an Grobheit kaum zu überbieten, und darauf kommt es beim Austausch von Grobheiten ja schließlich an.

Ich weiß nicht, wann es aus der Mode kam, die Kleinstadt am Rande von Hamburg zur Zeugenschaft für einen imaginären Ort anzurufen. Ich erinnere mich aber an das Erstaunen, das ich empfand, als ich erfuhr, daß „Buxtehude“ nichts Imaginäres ist, daß es die Stadt wirklich gibt, wenn auch im Westen, und daher ziemlich weit entfernt. Aber der „Eiserne Vorhang“ kann nicht als Entschuldigung gelten, denn in jener Zeit gab es noch keine Mauer, und eine Reise in den Westen lag noch nicht jenseits des Vorstellbaren. Im Jahre 1954, kurz vor meiner Einschulung, besuchte meine ganze Familie die Braunschweigische Verwandtschaft. Ich erinnere mich, daß der Zug auf der Hinreise völlig überfüllt gewesen ist, und daß mein Vater ständig die Vornamen seiner beiden älteren Söhne in den Gang rief, damit wir nicht abhanden kämen. Der jüngste saß auf dem Schoß seiner Mutter, und er war so verschreckt, daß er gar nicht daran dachte wegzulaufen. Auf der Rückreise jedoch hatten wir ein ganzes Abteil für uns alleine, und wir ließen uns die Reiseverpflegung schmecken, die aus „S-tullen“ mit Braunschweiger Knappwurst und echtem Bohnenkaffee aus einer Thermoskanne bestand, die Tanten hatten vorgesorgt. Es hatte eine Weile gedauert, bis wir begriffen, daß die Tanten Bemmen meinten, wenn sie „S-tullen“ sagten. Den Bohnenkaffee trank meine Mutter, wir Jungs bekamen eine merkwürdige braune Limonade zu trinken, von der mir schlecht wurde.

Die Zeit verging, „Buxtehude“ kam aus der Mode, aber das Wort ging mir nicht aus dem Sinn. Manchmal benutzte ich es noch im alten Sinne, aber als niemand mehr mich verstand, ließ ich es bleiben. Die Buxtehude-Verschwörung gehörte damit endgültig der Vergangenheit an. Vor einiger Zeit jedoch war ich mit Oma bei einer befreundeten Familie zu Gast. Es sind Omas Freunde, sie kannten sich schon lange, bevor ich in Omas Leben kam. Wir saßen im Garten und ließen uns Gegrilltes schmecken. Es gab Rostbrätel, Würste, Wein und Bier, auch Schnaps und Likör. Die Gespräche drehten sich, wie immer, um weit zurückliegende Ereignisse an Orten, von denen ich nie gehört hatte und – zum Teil längst verblichene – Menschen, die ich nicht kannte. Ich mußte fahren, das war so ausgemacht, und ich trank daher nur Apfelsaft, aber der war selbstgemacht und schmeckte wunderbar. Ich langweilte mich. Daher feilte ich in Gedanken an der Anton-Geschichte „Freizeit mit ‚Heidemarie’“, und ich beschloß, daß Anton und Jutta sich zwar kriegen, aber am Ende jeder in sein eigenes Leben zurückkehren sollte – Ausgang der Liebesgeschichte also ungewiß. Natürlich, denn das ganze Leben ist ungewiß, und ein Hollywood-Happy-End kam sowieso nicht in Frage. Ich nickte zufrieden vor mich hin und genehmigte mir dann doch einen Nordhäuser zum Apfelsaft. Dann jedoch horchte ich auf. P., der Hausherr, war mit seiner Frau E. in Streit geraten, worum, war mir entgangen.
„Du denkst wohl, ich fahre sonstewieweit durch de Jehchend, vielleicht noch bis Kallepupa?“ schimpfte er wütend. Er ist sonst ein sehr besonnener Mann, im Gegensatz zu seiner Frau. Deshalb war ich ein wenig erstaunt, und ich begann den Streit zu verfolgen.
„Du sollst nicht nach Kallepupa fahren, sondern bloß nach Nienburg und den Jungen abholen!“ keifte E. Sie keifte wirklich, und ich kann sie nicht leiden.
Sie sagten nicht „Kallepupa“, sondern „Gallebuhba“ und sie sprachen selbstverständlich ihre heimische Hallische Mundart, die sich gar nicht so sehr vom Osterländischen der Leipziger unterscheidet. Der wichtigste Unterschied besteht darin, daß das Anlaut-Geh wie ein Jott gesprochen wird, also „jerne“ statt „gern“, „jeben“ statt „geben“, „juhd“ statt „gut“ und so weiter.
„Wohin will er nicht fahren?“ fragte ich Oma leise. Ich glaubte, ich hätte mich verhört.
„Nach Kallepupa.“ Oma lachte. Dann hob sie die Hände. „Im Nirgendwo, im Irgendwo, im Ungewissen, in deinem Buxtehude eben.“ Ich hatte ihr wenige Tage zuvor davon erzählt.

So schließt sich der Kreis. Aber Kallepupa ist keine Verschwörung, Kallepupa gibt es wirklich nicht. Wetten?

* * *

Anmerkungen:

Stääbch’n: (sächs.) Zigarette
Pfeffi:
(umgspr.) Pfefferminzlikör, sehr beliebt bei Damen
Allasch:
Echter Leipziger Allasch; populärer Kümmellikör, der sich durch einen hohen Alkoholgehalt (38%) auszeichnet; wird gut gekühlt als Digestif getrunken
Bonniediele:
(sächs.) Ponydiele; umgspr. Bezeichnung für ein Lokal, in dem billige Gerichte aus Pferdefleisch angeboten wurden
bärrschd’n:
(sächs.) bürsten; umgspr. für ‚Geschlechtsverkehr haben‘; die Dicke Elfi war eine Gelegenheitsprostituierte; regulär war sie bei der Leipziger Wollkämmerei angestellt
Gnallgäbbe:
(sächs.) Knallköpfe, Idioten
Leipziger Räbchen
: Wenn man Ihnen erklärt, das sei eine Süßspeise, die ihren Ursprung in Leipzig gehabt habe, und die hauptsächlich aus Dörrpflaumen und Marzipan bestünde, glauben Sie kein Wort, auch das ist eine Verschwörung! Leipziger Räbchen (sächs.: Leibz’schorr Rääbch’n) nannte man in vergangenen Zeiten die Leipziger Straßenjungen, also Halbstarke, Gammler, Kleinganoven, Rowdys, Hooligans, Tage- und Taschendiebe und ähnliches Gelichter, die besonders während der Leipziger Messen ihr Unwesen trieben. Betuchte und abenteuerlustige „Meßfremde“, also Messegäste, auch „Messeonkels“ oder „Meßonkels“ genannt, die in den Vorstadtkneipen das Nachtleben der Messestadt genießen wollten und auf Abenteuer aus waren, taten gut daran sich vor ihnen in Acht zu nehmen. Mir ist noch heute die erste Strophe einen beliebten Gassenhauers gegenwärtig:

Mir sinn de Leibz’schorr Rääbch’n
unn roochen gerne Stääbch’n
unn wämmer geene hamm
da rooch morr ähmd Zigarrn.

(Wir sind die Leipziger Räbchen
und rauchen gern Zigaretten
und wenn wir keine haben
dann rauchen wir eben Zigarren.)

Als Kind verstand ich den Sinn des Textes natürlich nicht, und der Hintersinn wurde mir erst bewußt, als ich mich mit diesem Feuilleton zu beschäftigen begann.

© Bernd Mai September 2014

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