Mein Name und ich

ein Essay von Bernd Mai

„Namen sind Schall und Rauch“, sagt der Volksmund. Diese Redensart stammt eigentlich aus Goethes „Faust“. Faust benutzt sie zu Beginn der zweiten Szene, um Begriffe wie Liebe, Glaube, Gott und Glück zu umschreiben, als er auf die berühmte Gretchenfrage sehr vorsichtig und zurückhaltend, ja – vernebelnd, antwortet. Heute soll sie andeuten, daß etwas „ … keine Bedeutung hat, vergänglich ist, nicht von Bedeutung ist. ‚Es ist egal, wie ich’s nenne, Hauptsache, man versteht mich.‘ … “ (Prof. Dr. Ulla Fix).

Anders in alten Märchen. Nachdem die Müllerstochter endlich Rumpelstilzchens Namen kannte, hatte sie plötzlich Macht über den Zwerg erlangt. Dieses Motiv, das auf vorchristliche Vorstellungen zurückgeht, findet man auch in Märchen anderer Völker. Die Titel mancher Märchen bestehen nur aus Namen. „Schneeweißchen und Rosenrot“, „Hänsel und Gretel“, „Aschenputtel“ und „Dornröschen“ sind wohl die Bekanntesten. Sogenannte ‚Sprechende Namen‘ sind häufig ein wichtiger Bestandteil von Märchen: Der dumme Hans, der einfältige Ivanushka, Allerleirauh, Schneewittchen (was auch nur Schneeweißchen bedeutet), Drosselbart, Frau Holle (Frau Hel oder Hulda, „Pseudo“ der germanischen Göttin Frigg, die Urmutter, Gemahlin Odins) und so weiter.

Also, was nun? Sind Namen nur Schall und Rauch? Oder sind Namen Programm?

Als kleiner Junge bin ich mit meinem Vornamen sehr unzufrieden gewesen. „Bernd.“ Was ist das für ein Name? Und dann auch noch „Bernd Mai“. Das klingt wie zwei Peitschenhiebe. Hätten sie mich wenigstens „Bernhard“ genannt! Paß mal auf, wie das klingt: „Bernhard Kellermann“. Versuche, es laut zu lesen. Verstehst Du, was ich meine? Meine Brüder, sogar mein unbekannter Halbbruder, haben mehrsilbige Vornamen, das mag gerade noch gehen und zum einsilbigen Familiennamen passen, jedenfalls sind es keine Peitschenhiebe.

Gemäß einer alten Tradition, die in Vergessenheit zu geraten scheint, habe ich noch einen zweiten Namen: „Günter“. Warum ich ausgerechnet diesen bekommen habe, weiß ich nicht. Der zweite Vorname meiner Brüder ist „Hans“, das war der Rufname unseres Vaters, das war früher so üblich, und das versteht man. Hans oder Johannes, Erich oder auch Wilhelm oder sogar Adolf, alles alte Namen, Namen der Generationen vor der meinen. Aber „Günter“? In meiner Verwandtschaft gibt und gab es niemanden dieses Namens. „Günter“ oder „Gunter“, germanisch, passend zum eben zu Ende gegangenen 1000-jährigen Reich. Ich habe zwar einen bestimmten Verdacht, aber ich will meiner Mutter nichts unterstellen.

Ich war ein schmächtiger und schwächlicher Knabe, und ich bin oft krank gewesen. Angst und quälende Vorstellungen bestimmten einen großen Teil meiner Kindheit. Angst vor Schmerzen und Verlusten, vor Höhen, vor engen Räumen und vor dunklen Kellern, vor Menschenmengen und vor dem gräßlichen ewigen Anstehen in einer Schlange vor dem Gemüseladen oder vor der Fleischerei, wenn meine Mutter keine Lust oder keine Zeit hatte, sich selbst in die Schlange zu stellen. Vor körperlichen Auseinandersetzungen mit Gleichaltrigen habe ich mich immer gedrückt. War das nicht möglich, zog ich stets den Kürzeren. Eine ambitionierte Lehrerin nahm in der vierten oder fünften Klasse mit uns die Bedeutung unserer Vornamen durch. Als ich die Übersetzung des meinen aus dem Mittel- ins Neuhochdeutsche vernahm, schämte ich mich zu Tode.

Aber der Vorname „Bernd“ war zur Zeit meiner Geburt gerade in Mode gewesen, ich hatte mehrere Namensvettern in meinem Schuljahrgang. Außer mir schien kein Mensch an meinem Vornamen Anstoß zu nehmen, und irgendwann hatte ich mich mit ihm abgefunden.

Mein Nachname jedoch war die Ursache des einen oder anderen Unbills. Mißgünstige Mitschüler nahmen mich manchmal aufs Korn. Ich kann nicht behaupten, daß ich gemobbt worden bin, aber der Schmähruf „Mai, altes Ei!“ klingt mir noch heute in den Ohren. Wäre ich in der Lage gewesen, dem Rufer einfach eine aufs Maul zu hauen und darüberhinaus gesund aus der Sache herauszukommen, hätte sich das vielleicht erledigt gehabt. Aber so …

Als ich die Schule verlassen hatte und ins Berufsleben eingetreten war, erlebte ich eine andere Art von … nennen wir es ruhig Diskriminierung. Ich verließ mein Elternhaus, um in einer fernen Stadt einen Beruf zu erlernen, und in dieser Stadt lebte ich in einem Lehrlingswohnheim. Solange ich nicht achtzehn Jahre alt war, war ein Heimerzieher für mich verantwortlich. Aber der war mit etwa sechzig Schutzbefohlenen eigentlich überfordert. Jetzt mußte ich erstmals für mich selbst sorgen. Ich mußte zum ersten Mal allein, ohne daß mein Vater oder meine Mutter dabei gewesen wären, Anträge stellen und Formulare ausfüllen, mit „Kadertanten“ verhandeln, bei Meldestellen und beim Wehrkreiskommando vorstellig werden oder eine Anzeige bei der Polizei erstatten, weil man mir das Fahrrad geklaut hatte. Oder ich mußte irgendwo aus irgendeinem Grund etwas unterschreiben oder mein Arbeitsbuch vorlegen. Dabei traf ich naturgemäß in den Amtsstuben auf viele fremde Menschen, meistens auf Frauen mittleren Alters, und entgegen meiner eigenen Wahrnehmung muß ich mit siebzehn oder achtzehn einen ganz passablen Eindruck auf diese Frauen gemacht haben, zumal ich dazu erzogen worden war, jedermann höflich und respektvoll zu begegnen, das kommt immer an. Ich erinnere mich an das achtungsvolle Geraune, das in einem Büro voller Frauen aufkam, als eine Sachbearbeiterin mein Zeugnis der zehnten Klasse herumzeigte, das ich aus irgendeinem Grund dort vorzulegen hatte. (Heute wäre diese Freiheit der Dame aus verschiedenen Gründen unvorstellbar.) Sobald ich jedoch meinen Namen genannt hatte, ging es los: „Oh, aber der Mai ist vorbei, nicht wahr?“ oder „Na ja, Mai ist es noch lange nicht, hähä!“ oder auch „Ach, der Mai ist gekommen … achtet auf die Bäume, die schlagen jetzt aus!“. Auch Hinweise auf den Ersten Mai, dem Kampftag, Ihr wißt schon, waren beliebt, meist mit einem spöttischen Unterton versehen. Ich war zu jung oder zu dumm oder beides, um diese Albernheiten als kleine Neckereien zu erkennen, wie sie bisweilen von reifen Frauen an die Adresse netter junger Männer gerichtet wird. Bis zu meinem vierzigsten Lebensjahr habe ich es nicht vermocht, diesen Bemerkungen Paroli zu bieten, ich habe mich stets darüber geärgert, und manchmal habe ich diesem Ärger Luft gemacht. Aber dann wurde ich wie ein Spielverderber behandelt, und wer ist schon gern ein Spielverderber? Erst als reifer Mann konnte ich dem Spott mit der nötigen Contenance begegnen, und heute stehe ich darüber. Ich sage: „Hören sie auf, meine Damen, ich bin alt genug, daß ich alle Sprüche mit meinem Namen schon kenne.“ Manchmal verweise ich auf den sprichwörtlichen Bart. Damit ist dann die Sache erledigt.

Nach dem Nennen meines Namens folgte die obligatorische Frage meines Gegenübers: „Wie schreibt sich das? Mit Ypsilon?“
„Nein, wie der Monat“, sagte ich der Sicherheit halber.
„Also mit Eh-Ypsilon!“ behauptete mein Gegenüber.
„Nein“, erwiderte ich, „mit Ah-Ie! Wie der verdammte Monat eben.“
„Wie? Monat?“ Mein Gegenüber wurde ungeduldig.
So spielten wir das Spielchen weiter, bis er es endlich begriffen hatte. Das Formular sah dann manchmal ein wenig unordentlich aus. Heute passiert so etwas, dank der modernen Technik, eher selten.

Meine kanadischen Cousins haben es übrigens mit unserem Namen auch nicht leicht. Sie erhalten dem Vernehmen nach ständig Post von irgendwelchen chinesischen Kulturvereinen. Wenn ich meine Fahrradrunde um mein Wohngebiet drehe, komme ich an einem Baumarkt vorüber. Auf dem Parkplatz befindet sich ein Imbißstand, an dessen Vorderseite in großen roten Buchstaben „Mai Asia Imbiß“ geschrieben steht. Zu meiner frühen Stunde hat der Imbiß noch geschlossen. Falls ich aber einmal später am Tag dort vorbeikommen sollte, werde ich an den Stand gehen und nach Ông Mai fragen, der interessiert mich dann doch.

Meine Berufsausbildung erhielt ich an der Betriebsberufsschule der Volkswerft Stralsund. Ich lebte zusammen mit sechzig anderen Maschinenbau-Lehrlingen in einer Baracke, die ursprünglich für den Reichsarbeitsdienst, für Fremdarbeiter oder Kriegsgefangene errichtet worden war. Die Baracke stand, wie drei weitere und ein fester Internats-Neubau, auf einem Nebengelände der Werft. Eine weitere Baracke diente als Berufsschule, und eine größeres, flaches Gebäude beherbergte die Küche, den Speisesaal, Büros und verschiedene Werkstätten für alle möglichen Berufe, die in einer Werft gebraucht werden. Die Ausbildungsstätte war in der Stadt eine bekannte Adresse. Eine Postkarte meines Freundes J. erreichte mich problemlos, obwohl der Trottel nur „Bernd Mai, Stralsund, Franzens Höhle“ ins Adreßfeld geschrieben hatte – es hätte „Franzenshöhe“ heißen müssen. Die einundsechzig Lehrlinge „meiner“ Baracke wurden für die Fischkombinate Rostock und Saßnitz ausgebildet, die die Hochseefischerei der DDR bestritten. Was aus den kleineren Schiffen des Saßnitzer Betriebes geworden ist, weiß ich nicht. Ich hoffe, sie wurden privatisiert und schippern noch heute über die Ostsee. Die großen Fang- und Verarbeitungsschiffe des Rostocker Kombinats sind nach der Wiedervereinigung allesamt in der Türkei und in Indien abgewrackt worden. Eine große und stolze Flotte. Einfach abgewrackt.

Eine Legende besagt, alle Seeleute der DDR seien Sachsen gewesen. Das kann ich nicht bestätigen, in meiner Baracke war ich der Einzige. Die meisten meiner Kollegen und Mitschüler kamen von der Küste oder aus Berlin. Ein paar Thüringer und paar Hallenser waren auch dabei, ich teilte mir ein Zimmer mit zwei Jungen aus Halle und einem aus Merseburg, heute Sachsen-Anhalt. Ich konnte mir schon damals keine Namen merken. Deshalb sagte ich zu jedem ganz naßforsch „Ede“. Ich glaubte, damit unter diesen rauen Burschen den richtigen Ton gefunden zu haben. „Eh, Ede, haste ne Zigarette?“, „Was is, Ede, gehmorr Essen?“ und so weiter. Das hatte ich von den großen Brüdern meines Freundes D. gelernt, und irgendwie schien das in meiner Heimatstadt Leipzig unter jungen Männern so üblich gewesen zu sein. Ich hatte, mal wieder, eigentlich gar keine Ahnung. Den Hallenser Jungs ging das bald auf die Nerven. Deshalb konterten sie und nannten mich ebenfalls Ede, hartnäckig und penetrant, selbst, als ich diese schlechte Angewohnheit längst aufgegeben hatte. Ich wurde diesen albernen Spitznamen erst los, als sich mit dem Ende der Lehrzeit unsere Wege trennten.

Ob nun Schall und Rauch oder Programm – der Name wird gebraucht, damit man einen Menschen sicher identifizieren kann. Im Laufe meines Lebens habe ich in dieser Frage einiges erlebt. Bei der GST bin ich der Kamerad Mai und bei der FDJ der Jugendfreund Mai gewesen. Im FDGB und im Betrieb waren wir alle Kollegen. Als Soldat war ich der Kanonier Mai oder der Genosse Mai, meine feldgrauen Kumpels nannten mich „Maichen“ oder „Mailein“. Das war nicht weiter schlimm, denn wo es sich anbot, hängten sie an jeden Familiennamen die Diminutiv-Endung an. Eine Zeit lang hatte ich zur Identifizierung eine zwölfstellige Personenkennzahl, heute habe ich eine Steuernummer, die ist auch sehr lang. Kollegen nannten mich „Mister X“, aber nur, wenn ich nicht dabei war. Warum sie das taten, behalte ich für mich. Das aber war der letzte meiner Namen, die ich mir nicht selbst ausgesucht habe. Meine derzeit gültigen Spitznamen oder Pseuden habe ich mir selbst gegeben. Alt genug bin ich schließlich.

© Bernd Mai, Leipzig und Löbejün, April 2015

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