Tag der seltenen Krankheiten

 
Am 28. Februar ist der Tag der Seltenen Krankheiten.
Es ist ein Tag, um auf Menschen aufmerksam zu machen, die eine seltene Krankheit haben.
Mein Enkel ist 9 Jahre alt und hat das seltene ADNP-Syndrom, momentan gibt es ca. 300 Menschen weltweit, bei denen dieses Syndrom entdeckt wurde.
Das ADNP-Syndrom verursacht Probleme mit dem neurologischen, kardiovaskulären, endokrinen, immunologischen, muskulären und Verdauungs-System und wirkt sich auch auf Sehen, Hören, Wachstum, Ernährung und Schlaf aus. Die Betroffenen haben leichte bis schwere Verzögerungen bei der Intelligenz, der Sprache und der globalen motorischen Planung sowie Krampfanfälle. Viele haben Autismus oder Autismus-Merkmale.
Aber die meisten haben ein sehr fröhliches Gemüht.
Mein Enkel hat Schwierigkeiten mit der Feinmotorik, verminderte Intelligenz und autistische Züge, er braucht ständig vertraute Personen um sich.
Die Stärken liegen in seiner Sozialkompetenz. Er ist ein freundlicher Junge, der vor allem mit Erwachsenen gut kommunizieren kann.
Es ist wie immer im Leben, seine große Schwäche ist auch seine große Stärke. Er ist sehr anhänglich und orientiert sich sehr an engen Bezugspersonen. Aber dadurch kann man auch viele Ausflüge und Reisen mit ihm machen. Hauptsache, seine Eltern sind da für ihn und signalisieren ihm, dass alles ok ist. Dann macht er jeden Spaß mit. So waren sie schon in Rumänien, Frankreich, Dänemark und Polen unterwegs. Neue Menschen kennenlernen geht mit ihm ganz leicht.

(Den Text hat meine Tochter Christiane Hempel verfaßt.)

Für mehr Informationen: www.adnpfoundation.org

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Sag ich doch!

Ein bisschen seltsam zu sein ist nur ein natürlicher Nebeneffekt davon, großartig zu sein.
Sue Fitzmaurice

 

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Aus gegebenem Anlaß: 12 Überlegungen einer Dame aus meinem Bekanntenkreis, die sie mir freundlicherweise mitgeteilt hat.

1. Das Dümmste, was ich je gekauft habe, war ein Termin-Planer für 2020.
3. 2019: Halten dich von negativen Menschen fern.
2020: Halte dich von positiven Menschen fern.
4. Die Welt hat sich auf den Kopf gestellt. Alte Leute schleichen sich aus dem Haus und ihre Kinder schreien sie an, drinnen zu bleiben!
5. Heute Morgen habe ich eine Nachbarin gesehen, die mit ihrem Hund gesprochen hat. Es war offensichtlich, dass sie dachte, ihr Hund verstehe sie. Ich kam nach Hause und erzählte es meiner Katze. Wir haben sehr gelacht.
6. Probiere deine Jeans alle paar Tage an, um sicherzustellen, dass sie passt. Im Pyjama wirst du glauben, dass mit deiner Figur alles in Ordnung ist.
7. Weiß jemand, ob wir noch duschen können, oder sollten wir einfach weiter unsere Hände waschen?
8. Dieser Virus hat geschafft, was keine Frau konnte: Sport abbrechen, alle Kneipen schließen und die Männer bleiben zu Hause!
9. Ich hätte nie gedacht, dass die Redensart „Ich würde ihn nicht mit einer Feuerzange anfassen!“ zu einer nationalen Politik werden würde.
10. Ich muss soziale Distanz zu meinem Kühlschrank halten.
11. Ich hoffe, das Wetter ist morgen gut für meine Reise in den Hinterhof. Ich habe das Wohnzimmer satt.
12. Niemals in einer Million Jahren hätte ich mir vorstellen können, dass ich mit einer Maske zu einem Bankangestellten gehen und nach Geld fragen würde.

Diesen Text hat meine kanadische Verwandtschaft mit mir geteilt, wie man auf Facebook sagt. Ich habe ihn ins Deutsche übersetzt und stelle ihn hier mal zur Diskussion.
Den Gedanken  Nr. 10 verstehe ich nicht ganz. Könnte bedeuten: Ich esse sonst zu viel aus langer Weile? Den Gedanken Nummer 2 habe ich weggelassen. Er war mir unverständlich.

B.M.

 

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Die letzte Tour

Autor unbekannt

(aus dem Amerikanischen von Bernd Mai)

Ich kam an der Adresse, die mir Vera durchgesagt hatte, an und hupte. Nachdem ich ein paar Minuten gewartet hatte, hupte ich wieder. Da es die letzte Fahrt in meiner Schicht sein würde, dachte ich darüber nach, einfach wegzufahren. Stattdessen parkte ich das Taxi, ging zur Tür und klopfte an.
„Nur eine Minute“, antwortete eine gebrechliche, ältere Stimme. Ich konnte hören, wie etwas über den Boden geschleift wurde.
Nach einer langen Pause öffnete sich die Tür. Eine kleine Frau in den Neunzigern stand vor mir. Sie trug ein bedrucktes Kleid und ein altmodisches Hütchen mit einem Schleier, wie jemand aus einem Film aus den 1950er Jahren. Neben ihr stand ein kleiner Nylonkoffer. Die Wohnung sah aus, als hätte jahrelang niemand darin gelebt. Alle Möbel waren mit Laken bedeckt.
Es gab keine Uhren an den Wänden, keine Schnickschnack oder Utensilien in den Regalen. In einer Ecke stand ein Karton, der mit Gläsern und Porzellannippes gefüllt war. Meine Mutter hätte jedes einzelne Stück in Zeitungspapier eingewickelt, egal, welcher Bestimmung es zugeführt werden sollte. Aber vielleicht hat es in diesem Hause keine Zeitung gegeben.
„Würden Sie meine Tasche zum Auto tragen?“ fragte sie. Ich brachte den Koffer zum Wagen und kehrte dann zurück, um der Frau zu helfen. Sie nahm meinen Arm und wir gingen langsam zum Bordstein. Sie dankte mir immer wieder für meine Freundlichkeit.
„Das ist doch selbstverständlich“, sagte ich zu ihr. „Ich versuche nur, meine Fahrgäste so zu behandeln, wie ich möchte, dass meine Mutter behandelt wird.“
„Du bist ein guter Junge“, sagte sie. Als wir in das Taxi stiegen, gab sie mir eine Adresse und fragte dann: „Könnten wir durch die Innenstadt fahren?“
„Das ist aber nicht der kürzeste Weg“, antwortete ich zögernd.
„Oh, das macht mir nichts aus“, sagte sie. „Ich habe es nicht eilig. Ich bin auf dem Weg ins Hospiz.
Ich schaute in den Rückspiegel. Ihre Augen funkelten.
„Ich habe keine Familie mehr“, fuhr sie mit leiser Stimme fort. „Der Arzt sagt, ich habe nicht mehr viel Zeit.“ Ich griff schweigend hinüber und schaltete das Taxameter aus.
„Welchen Weg soll ich nehmen?“ fragte ich. Sie antwortete mit einer vagen Handbewegung.

Die nächsten zwei Stunden fuhren wir durch die Stadt. Sie zeigte mir das Gebäude, in dem sie einst als Fahrstuhlführerin gearbeitet hatte. Wir fuhren durch das Viertel, in dem sie und ihr Mann gelebt hatten, als sie frisch verheiratet waren. Sie ließ mich vor einem Möbellager halten, das einst ein Ballsaal gewesen war, in dem sie als Mädchen getanzt hatte.
Manchmal bat sie mich, vor einem bestimmten Gebäude oder einer bestimmten Ecke langsamer zu werden. Dann schirmte sie mit der flachen Hand die Augen gegen die Lichtreflexe ab, starrte in die Dunkelheit und sagte nichts.
Als der erste Anflug von Sonne den Horizont rötete, sagte sie plötzlich: „Ich bin müde. Bringen wir es hinter uns.“

Wir fuhren schweigend zu der Adresse, die sie mir gegeben hatte. Es war ein niedriges Gebäude mit einer Auffahrt, die unter einem Portikus verlief. Sobald wir vorfuhren, kamen eilig zwei Pfleger zum Taxi gelaufen. Sie wirkten besorgt und entschlossen, und sie beobachteten aufmerksam jede ihrer Bewegungen. Sie müssen sie erwartet haben. Ich öffnete den Kofferraum und brachte den kleinen Koffer zur Tür. Die Frau saß bereits im Rollstuhl.
„Wie viel schulde ich dir?“ fragte sie und griff in ihre Handtasche.
„Nichts“, sagte ich
„Du musst deinen Lebensunterhalt verdienen“, antwortete sie.
„Es gibt noch andere Passagiere.“ Noch während ich das sagte, und ohne nachzudenken, bückte ich mich und umarmte sie. Sie hielt mich fest.
„Du hast einer alten Frau einen kleinen Moment der Freude geschenkt“, sagte sie leise, ihr Mund war dicht an meinem Ohr. „Vielen Dank.“
Ich drückte ihre Hand, drehte mich um und ging in das trübe Morgenlicht. Hinter mir fiel fast geräuschlos die große gläserne Eingangstür ins Schloß.

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Spruch der Woche

„Der größte Arsch im ganzen Land,
Das ist und bleibt der Ignorant.“

Anton Mertz

 

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Bücherei – Heute: Nachschlag

Die Kinderbücherei am Roßplatz gibt es schon lange nicht mehr. Ihre repräsentativen Räume in der ersten Etage werden kommerziell genutzt. Das benachbarte legendäre „Ring-Café“ ist schon lange kein Café mehr. Die Zetrale der Stadtbibliothek ist aus dem Zentrum in ein Gebäude an der Südseite des Leuschnerplatzes umgezogen. Das aber ist eher positiv zu bewerten, denn das alte Gebäude am Markt stammt aus dem 18. Jahrhundert, und die Baulichkeiten waren den Belastungen durch mehrere hundert Meter Bücherregale kaum noch gewachsen. Man hatte zur Sicherung Balken eingezogen.

Die alten Stadtteilbibliotheken, die zum Teil aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts stammen und im Bauhausstil gehalten sind, existieren meines Wissen alle noch. In meinem Kiez, Neu-Paunsdorf, gibt es eine neue  im Erdgeschoß eines genossenschaftlichen Plattenbaus.
„Die Leipziger Städtischen Bibliotheken bieten den Bürgerinnen und Bürgern mit der Stadtbibliothek und den 15 Stadtteilbibliotheken sowie unserer Fahrbibliothek eine umfassende Medienabdeckung. Mit der Musikbibliothek und der Verwaltungsbibliothek (in der Stadtbibliothek) ist ein umfangreicher Spezialbestand zugänglich. Unsere Sondersammlungen und historischen Bestände komplettieren das Erlebnis Bibliothek.“
(O-Ton von der Web-Seite der Stadtbibliothek)

Nach meiner Rückkehr nach Leipzig war ich bibliotheksmäßig viele Jahre lang gar nicht aktiv. Ich war damit beschäftigt, meine eigene kleine Bibliothek auszubauen und zu komplettieren. Dieser Vorgang wurde nur durch meine Scheidung und dem damit verbundenen „Rosenkrieg“ unterbrochen – allerdings massiv.
Nun, vor einigen Jahren habe ich meiner Bücherbestand drastisch verringert. Ich wollte meinen Kindern am Tag X weniger Arbeit hinterlassen. Außerdem schenkten sie mir einen E-Book-Reader, ein Lesegerät für elektronische Bücher. Seit einem dreiviertel Jahr besuche ich damit regelmäßig die Online-Ausleihe. Leider ist der Bestand an E-Books nicht übermäßig groß, populärer Schund dominiert den Fundus. Jedenfalls nach meinem Dafürhalten. Die Klassiker der internationalen Literatur sucht man oft vergebens. Von E. Strittmatter z. B. fand ich nur die drei Bände des „Ladens“ und ein wenig Sekundärliteratur. Von Heinrich Böll gar nichts, und von Anna Seghers nur das unvermeidliche „Siebte Kreuz“. Wie es in den analogen Regalen aussieht, kann ich nicht beurteilen.
Wie auch immer, ich bin wieder ein eingeschriebener Leser, und wenn ich im kommenden August pünktlich meinen Beitrag bezahle, werde ich es wohl auch bleiben.

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Bücherei – Heute: Teil 13; Schluß – aber Ende der Bücherei?

Buchhändler oder Bibliothekar kamen für mich als Berufswunsch nicht in Frage, wegen der geringen Vergütung, und beide Berufe galten als typische Frauenberufe. Mit fünfzehn, in den Gefühlsstürmen der Pubertät, führte ich ein Tagebuch. Lese ich es heute, kommt es mir seltsam glatt und kühl vor, geradezu banal: „Donnerstag, 10.10.63: Am Vormittag waren wir (Wir? Die Schulklasse?) in der Ausstellung (Hm, „Unser Leipzig – Sozialistische Großstadt mit Zukunft“?), nachmittags Kino, nicht schlecht. Gabi nicht gesehen. (Wer, zum Teufel, war Gabi?) Früh ins Bett gegangen.“ Und so weiter. Ich lese es, finde Äußerlichkeiten geschildert, und es scheint, als hätte ich nichts weiter gefühlt, aber das stimmt nicht. Mein Gefühlsleben war lebhaft, stark und chaotisch in jener Zeit, und es kommt mir so vor, als hätte ich versucht, es auf diese Weise zu bändigen und unter Kontrolle zu bekommen.

Meine enge Beziehung zu Uschi und zur Kinderbücherei endete, als ich etwa fünfzehn war. Ich war zuvor als Leser zur Erwachsenenausleihe der Stadtbibliothek gewechselt, die sich damals im Stadtzentrum, Markt 8, befand. Ich ging jedoch gelegentlich noch in die Bücherei am Roßplatz, um Uschi zu besuchen, und um mit ihr zu reden. Manchmal half ich noch in der Ausleihe. Ich erinnere mich nicht an das Ende, irgendwann war ganz einfach Schluß. Als Lehrling, mit fast siebzehn, kam ich nach Stralsund. Dort gab es eine andere Bibliothek, und es war ein anderes Leben.

Als ich etliche Jahre später nach Leipzig zurückkehrte, und mich ein seltsamer Drang an die Orte meiner Kindheit trieb, suchte ich auch die Kinderbücherei am Roßplatz auf. Es war außerhalb der Öffnungszeiten. Weil ich mich dazu berechtigt fühlte, klingelte ich lange und anhaltend. „Wir haben geschlossen!“, tönte es mehrmals aus der Sprechanlage, aber ich achtete nicht darauf und klingelte weiter. Schließlich öffnete mir eine fremde junge Frau. Sie trat auf den Treppenabsatz, während sie die Reste einer Schönheitsmaske entfernte, die sie wohl gerade aufgetragen hatte, und sie war wegen der Störung sehr ungehalten. Ich erklärte ihr mein Anliegen, und sie beruhigte sich. Ich erfuhr, daß Uschi in eine andere Stadtteil-Bibliothek gewechselt war. Hier verwischt sich die Spur. Belassen wir es also dabei.

© Bernd Mai – Leipzig und Eisenberg, 1987 & 2001

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Bücherei – Heute: Teil 12, der vom Ruhm des Großen Erzählers handelt

Seltsamerweise hatte ich als Junge nie den Wunsch, es den Autoren meiner Lieblingsbücher gleichzutun. Bis kurz vor dem Ende der Schulzeit wußte ich nicht, was ich werden wollte. Hätte ich als Berufswunsch „Schriftsteller“ geäußert, hätte man mich für verrückt erklärt, man hielt mich sowieso für ein wenig verdreht, wie meine Mutter es ausdrückte. Heute finde ich es um so verwunderlicher, weil ich mit zwölf oder dreizehn Jahren Gelegenheit hatte, vom süßen Ruhm des Großen Erzählers zu naschen. Ich war unsportlich und körperlich nicht besonders robust. Bei meinen Mitschülern war ich wegen meiner Andersartigkeit nicht sehr beliebt, aber sie ließen mich in Ruhe, weil ich trotz meiner guten Zensuren nicht als Streber galt. Ich hatte zwei gute Freunde in der Klasse, und während der großen Pausen, die wir bei gutem Wetter brav im Kreis gehend auf der abgesperrten Straße vor dem Schulhaus verbrachten, vertrieben wir uns die Zeit, indem ich ihnen Geschichten erzählte. Meist kombinierte ich Motive aus Büchern, die ich gerade gelesen hatte, mit eigenen Erfindungen. Daraus entstanden ganz krude und abenteuerliche Geschichten, ganz wie in meinen Tagträumen, jedoch immer auch ein wenig zensiert, weil ich nicht wußte, was ich meinen Freunden wirklich zumuten konnte. Als einmal zufällig ein Vierter hinzukam, der meine Geschichten ebenfalls „klasse“ – heute würde man sagen „cool“ – fand, sprach sich das herum, und für eine längere Zeit zogen wir als Sechser- oder Achter-Trupp unsere Runden, und manchmal waren auch Mädchen dabei, und da schwoll mir dann doch der Kamm. Ich erzählte meine Geschichten, die ich aus dem Stegreif erfand, und die anderen gingen lauschend und stumm ihre Pausenbrote kauend neben mir her. Jeder wollte mir nahe sein, um mich besser hören zu können, und das schmeichelte meiner Eitelkeit und es streichelte mein schwächliches Ego. Doch Erfolg läßt sich nur durch Steigerung erhalten, und ich war gezwungen, mir ständig erstaunlichere und gewagtere Szenarien auszudenken, und ich benutzte dazu die Unterrichtsstunden. So war ich unaufmerksamer als sowieso schon, handelte mir Ärger mit den Lehrern ein, und zu Beginn der großen Pause hatte ich meist vergessen, was ich erdacht hatte. So mußte ich improvisieren, und ich begann mich zu wiederholen, und nach und nach hatten kaum noch meine Freunde Interesse an meinen Erzählungen. Vielleicht ist mir das eine Lehre gewesen, aber vielleicht war es auch so, daß mich das ständige Etwas-Erfinden-Müssen zu ermüden und zu langweilen begann, und ich beendete meine kurze Karriere als Großer Erzähler.

(Forts. folgt)

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Bücherei – Heute: Teil 11, in dem es um das Pressewesen geht

Die Familie meines besten Freundes wohnte einige Jahre in der Wohnung unter der unseren im Erdgeschoß, ich erwähnte es bereits. Der Vater war ursprünglich Beamter bei der Deutschen Reichs-Post gewesen, aber er arbeitete – zur Bewährung, wie es hieß – in den Chemiewerken in Böhlen. Man neigte eher zum Bildungsbürgertum, aber man kehrte es nicht heraus. Unsere Familien pflegten freundschaftlichen Umgang. Sie hatten einen großen alten Bücherschrank voller dicker alter Bücher, die von den wunderlichsten Dingen zeugten, und ich lernte, daß auch ein politisch veraltetes Lexikon sehr nützlich sein kann, und wie schnell ein Lexikon politisch veraltet, haben wir erst kürzlich gesehen. In dieser Familie war vieles anders als bei uns, angefangen bei der Wohnungseinrichtung, über Kleidung und Eßgewohnheiten bis hin zum Umgangston, und ich fand es bei ihnen allemal interessanter als bei uns. Eine erstaunliche Sache war es um den „Lesezirkel“, den sie abonniert hatten. In einer dicken schwarzen Mappe, die wöchentlich ausgetauscht wurde, befanden sich so ziemlich alle populären Zeitschriften des Landes. Auch alle unpopulären, aber die las man eben nicht. Bis zu einem gewissen Alter besaß ich keinen eigenen Wohnungsschlüssel. Kam ich aus der Schule nach Hause, und meine Mutter war wegen einer Besorgung unterwegs, oder sie war beim Friseur, klingelte ich an der Tür der Wohnung unter uns, und ich erhielt bis zu ihrer Rückkehr anstandslos Asyl, eine Glas Saft oder eine Tasse Kakao und die Gelegenheit im „Lesezirkel“ zu schmökern. Auf diese Weise lernte ich die „Weltbühne“ kennen, die wunderbaren, lustigen Zeichnungen des Berliners Erich Schmitt in der „Wochenpost“, und mein Urteilsvermögen wurde durch die Lektüre des „Eulenspiegels“ geschult. Es kann sein, daß auch das „Magazin“ ein Bestandteil des Lesezirkels war, aber es interessierte mich noch nicht. Das kam später. Damit habe ich die wichtigsten, ernst zu nehmenden Populär-Zeitschriften der DDR genannt, und heute bin ich froh, schon als Kind an ihnen partizipiert zu haben, denn der Journalismus der Republik insgesamt konnte einen Hund jammern. Manchmal verlor ich mich zwischen den Heften, ich vergaß die Zeit und es kam vor, daß meine Mutter mich heimholen mußte.

Wir hatten die regionale Tageszeitung abonniert, aber außer der Wochenendbeilage, die eine für DDR-Verhältnisse erstaunliche Qualität besaß, war das kein Lesestoff für mich. Mein Vater bezog die „Einheit – Zeitschrift für internationale Theorie und Praxis“, ein Organ der SED und völlig unlesbar, und die „Technische Gemeinschaft“, das Organ der „Kammer der Technik“, der Standesorganisation der Technischen Intelligenz. Die Zeitschrift hatte eine Rubrik „Neues aus aller Welt“, in der technische Neuerungen – wirklich aus aller Welt – in kurzen Artikeln, manchmal mit Foto, vorgestellt oder glossiert wurden. Das interessierte mich, und ich las regelmäßig die Beiträge, wenn sie mich im Niveau nicht überforderten. Ähnlich war es mit der „PRAMO“, die eigentlich „Praktische Mode“ hieß, und die meine Mutter abonniert hatte. Es war die Modezeitschrift für die werktätige Frau, ganz auf den Alltag abgestimmt, und jedem Heft lagen zu allen Modellen auch stets die Schnittmusterbögen zum Selbstschneidern bei. Am Ende eines jeden Heftes war eine kulturelle Rubrik angeordnet. Auch das interessierte mich, und die Kurzgeschichten, Feuilletons und Buchtips – auch Gedichte und Rezepte – las ich mit Vergnügen. Außerdem hatte meine Mutter den „Filmspiegel“ abonniert, eine schmalbrüstige Kino-Illustrierte, die ich nur schwarz-weiß in Erinnerung habe, obwohl ich weiß, daß sie irgendwann farbig wurde. Ich fand sie interessant, aber wie gut sie wirklich war, kann ich bis heute nicht beurteilen, jedenfalls war sie sehr informativ. Wenn ich Geld hatte, und die 60 Pfennige hatte ich irgendwie meistens, kaufte ich das „Mosaik“ – DEN Comic der DDR, und ich hörte, heute sei er Kult. Irgendwann hatte ich eine stattliche Anzahl davon, die ich strikt nach Nummern sortiert in einem Schränkchen aufbewahrte, und ab und zu nahm ich einen Stoß heraus, um die Hefte wiederholt durchzuschmökern. Ich liebte sie. Eines Tages steckte mein Vater sie alle in den Küchenherd, und zündete sie an. Viele verbrannten, einige konnte ich retten, das Feuer war schlecht gelegt. Der Anlaß wird nichtig gewesen sein. Wir haben nie, auch nicht, als ich bereits erwachsen war, darüber gesprochen. Mein Vater war ein Techniker, ein Schlosser, ein Bastler und Tüftler. Kurz vor seinem Renteneintritt wurde er ehrenhalber zum Ingenieur ernannt. Als wir Söhne alle aus dem Haus waren, richtete er in unserem Kinderzimmer eine Werkstatt mit Werkbank, Schraubstock, Werkzeugmagazin und kleinen Maschinen ein. Als M. K.`s damalige Ehefrau Annemarie K. einen Puppentrickfilm zum Thema Arbeitsschutz entwarf, entwickelte und fertigte er die Maschinenmodelle, die in dem Film eine Rolle spielen sollten. Es gibt noch heute Standfotos davon. Etliche Prüfvorrichtungen in dem Betrieb, dem er angehörte, hatte er selbst entworfen und konstruiert. Als wir noch kleiner waren, bastelte er für uns Weihnachtsgeschenke. Unser jüngster Bruder erhielt die Krönung, das Hauptwerk sozusagen, eine aus preiswerten Anfängen nach und nach um- und aufgerüstete elektrische Eisenbahn. Ich beurteilte sein handwerkliches Geschick immer kritisch, habe aber aus Respekt die Kritik nie laut geäußert. Die Feinheit und Präzision seiner Produkte ließ zu wünschen übrig, aber er schaffte es immer, daß sie – irgendwie – wunschgemäß funktionierten. Nachdem er seinen ältesten Sohn an die Pädagogik verloren hatte, hoffte er, daß ich in seine Fußstapfen treten würde. Es ist ihm aber nie gelungen, technisches Verständnis und Interesse in mir zu wecken. Und weil er es nicht verstand, und weil er keine Geduld mit mir hatte, hat er es auch nie versucht, ich meine, wirklich versucht. Hin und wieder bekam ich Werkzeug geschenkt, mit dem ich nichts anfangen konnte, und es ist mir nie gelungen, eine Bastelei bis zum Ende zu bringen. Meine Produkte aus dem Werkunterricht der sechsten Klasse, Schlüsselbrettchen, Wandkonsolen, Untersetzter, Bilderrahmen, die ich selbst ganz in Ordnung fand, nahm er gar nicht wahr. Es muß ihm auf der Seele gelegen haben, und es muß eine schwere Kränkung für ihn gewesen sein. Nur so kann ich mir erklären, daß er sich zu solch einer Tat hinreißen ließ. Später konnte ich ihn halbwegs versöhnen, als ich den Beruf eines Maschinenbauers erlernte. Ich tat es aber nicht darum, und auch nicht, weil ich das Feilen und das Bohren so liebte, sondern weil ich als Maschinist zur See fahren wollte, und weil es mir vernünftig erschien, neben der Seemannschaft einen Beruf für das spätere Leben an Land zu haben. Als ich zur Computerei wechselte, hat es ihn nicht weiter gestört, denn das war etwas, was er technisch nicht verstand, und davor hatte er Respekt.

(Forts. Folgt)

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Bücherei – Heute: Teil 10, in dem gegen Schund und Schmutz gekämpft wird

Die öffentlichen Bibliotheken waren immer eine zuverlässige Bastion im Kampf gegen die imperialistische Unkultur und irgendwann gab es auch keine privaten Leihbüchereien mehr. Aber – ein Volk, das Karl May für einen bedeutenden Schriftsteller hält, läßt sich nicht so leicht auf Maxim Gorki und Sozialistischen Realismus einschwören, und sein alter Held Tom Mix feierte seine amerikanisierte Wiedergeburt. Die Wege, über die die bunten Groschenhefte aus dem Westen kamen, waren vielfältig. Bis 1961 war es sicher einfach, sie über die Grenze zu bringen, aber der Strom riß auch nach dem Bau der Mauer nicht ab. Mein bester Freund hatte wohlhabende Verwandtschaft in Westberlin. Sie betrieb das Bäcker- und Konditorhandwerk, und solange es möglich war, verbrachte er jedes Jahr einen Teil der Sommerferien dort. Nach seiner Rückkehr hörte ich jedes Mal staunend von den wunderbaren Dingen, die ihm widerfahren waren. Die Wohltaten, die die Konditorsleute an ihm verrichteten, war Legion. Auch ich profitierte von ihnen, denn er brachte die bunten Hefte kiloweise mit, und entweder schmökerten wir sie gemeinsam in seinem Zimmer oder ich lieh mir einen Stoß der Hefte aus, und ich konsumierte sie gleich mehrmals hintereinander heimlich bei mir zu hause. Heimlich, weil mein Vater – eingeschworen auf die offizielle Parteipolitik – so etwas nicht dulden konnte. Irgendwann kam mir allerdings der Verdacht, daß es ihm weniger um den Schutz meiner zarten Kinderseele ging, als darum, was die Leute sagen würden, wenn es herauskäme. Es war wie mit dem Westfernsehen: Jeder wußte, daß es verboten war, aber auch nicht richtig verboten, jeder schaute es trotzdem, und jeder wußte, daß jeder es trotzdem schaute. Wenn ich mich recht erinnere, gab es ein Gesetz gegen Schund- und Schmutzliteratur, aber wer wollte entscheiden, ob „Fix und Foxi“ eher Schund oder doch mehr Schmutz waren? Also tat man das Übliche, man versuchte gar nicht erst zu differenzieren. Aber nur die schauten nicht weg, die es von Berufs wegen nicht konnten, zum Beispiel Zöllner und Lehrer. In den Schulen kam es schon mal vor, daß zu Beginn einer Unterrichtsstunde alle Schüler ihre Ranzen und Taschen ausleeren mußten, und alles, was nach Comics und Groschenheften westlicher Herkunft aussah, wurde beschlagnahmt. Bei dieser Gelegenheit wurden Spielzeugpistolen, Katapulte und Fahrtenmesser gleich mit konfisziert.

Das System trieb seltsame Blüten. Einmal bekam ich Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“ von einer meiner Braunschweigischen Tanten geschenkt. Ich lieh es einem Freund, der einige Häuser weiter in der Straße mit seiner alleinstehenden Mutter wohnte. Zwei Stunden später brachte er es mir zurück. Seine Mutter hätte das angeordnet, weil es von einem westdeutschen Verlag herausgegeben worden war. Ein Wunder, daß sie ihm nicht den Umgang mit mir verboten hatte! Sie heiratete ein paar Jahre später einen Pförtner der Bezirksparteileitung, und ich gratulierte meinem Freund von ganzem Herzen zu seinem Stiefvater.

Heimat- und Liebesromane, die meine Mutter gern konsumierte, mochte ich nicht. Ich mochte die Jerry-Cotton-Hefte, ohne freilich zu ahnen, daß ein verrückter Sachse, noch einer, der Erfinder war, und auch sonst alles, was nach Krimi roch. Die Western-Romane hatte ich bald über. Ihre Geschichten um die ewigen Weidekriege waren mir zu schlicht gestrickt, und wenn es um Gangster, zum Beispiel Butch Cassidy, ging, verstand ich nicht, wieso sie Helden sein konnten. Die Helden hatten immer die Guten zu sein, hatte man mich gelehrt, und ein wenig glaube ich noch heute daran. Die bunten Comics fand ich zwar ein wenig seltsam, aber ich war kein Kostverächter. Akim und Tarzan, Prinz Eisenherz und Phantom, Sheriff Teddy und seine Polizeitruppe – ich las alles. (Kann man ein Comic eigentlich „lesen“?) Trotz ihres im Grunde karikaturistischen und kindischen Charakters konnte ich mich nicht damit abfinden, daß die Leute in den Bildergeschichten wirklich totgeschossen wurden, denn ich hatte, wie wir alle, eine pazifistische Grunderziehung genossen. Wenn in „Sheriff Teddy“ der milchbärtige Schütze den alten Westerner erstaunt fragt: „Oh, ist er schon tot?“ und der Alte knurrt: „Er hat es nicht besser verdient!“, dann weckte das Gefühle in mir, mit denen ich nicht umgehen konnte, und wäre ich ein Zeichner, könnte ich noch heute das Bild aus der Erinnerung reproduzieren. Am besten gefielen mir die Micky-Maus-Hefte. Die Welt, die sie widerspiegelten, war mir zwar fremd, aber die Figuren hatten was, und die phantasievollen Geschichten, in denen auch immer irgendwelche skurrilen Erfindungen mitspielten, regten zum Träumen und Modellieren mit Knete an. Die Frage, ob Donald mit Daisy Sex hatte oder nicht, stellte sich mir nicht, aber es blieb ein großes Geheimnis, wieso der Erpel seine drei Neffen allein großziehen mußte. Hannes Hegens MOSAIK war eine gute Antwort auf die Herausforderung, aber es war das selbe, als wollte man mit einem einzigen Sandsack einen gebrochenen Damm schließen. Es gab noch andere Versuche einer Antwort. Aber die waren entweder nicht bunt, oder nicht lustig, oder sie waren zu didaktisch und vordergründig propagandistisch. Aber auch hier, wie auf so vielen Gebieten in der DDR, steckte der Teufel im Detail, und nichts war so homogen und strikt, wie man es uns heute manchmal glauben machen möchte. Die Fünfundzwanzig-Pfennig-Hefte der Reihe „Das Neue Abenteuer“ vom Verlag Neues Leben, Berlin, waren zwar meist schlimmer Schund und ihre Titel waren mit schändlich-schlechten Illustrationen versehen, aber immerhin verdanke ich ihnen meine erste Begegnung mit Jack London, Ring Lardner und O. Henry. Im Übrigen hörte ich, daß sich mancher ernsthafte Schriftsteller die Datsche und den Wartburg mit dem Schreiben solcher Hefte nebenher verdiente – unter Pseudonym, versteht sich. Heute weiß ich, daß andere ernsthafte Autoren diese Reihen bedienten, nur um die Miete bezahlen zu können. Wenn sie bei den Politikern in Ungnade gefallen waren, hoben die meisten Verleger bedauernd die Hände, und niemand muß sich wundern, daß sie ihre Manuskripte in den Westen gaben. Der großartige E. L. zum Beispiel schrieb humoristische Kriminalromane für den Eulenspiegel-Verlag, als er aus Bautzen zurück war. Später ging er weg. Er war aber der Erste, der 1989 zurückkehrte, und er las in den hoffnungslos überfüllten Kammerspielen vor einem atemlos lauschenden Publikum. Den stehenden Applaus nahm er sichtlich befriedigt entgegen.

Die Hefte dieser Reihen kosteten fünfundzwanzig oder fünfunddreißig Pfennige, und wir benannten sie nach ihrem Preis. Jeder wußte, was mit einem Fünfunddreißig-Pfennig-Heft gemeint war, das waren die der besseren Art. Sie hatten ein kleines Format, etwa A5, und man konnte sie bequem in die Jackentasche stecken, in der Straßenbahn oder im Unterricht lesen und bei Bedarf schnell wieder verschwinden lassen. Wir kauften sie bei den Schwestern Petermann, im Papierwarenladen um die Ecke. Zwei lustige Mäuse aus der Kinderzeitschrift „Atze“ hätten die Wende überlebt, hörte ich neulich, man dreht einen Zeichentrickfilm mit ihnen. Und wenn die bunten Hefte weiter nichts bewirkt haben, so habe ich mich doch an ihnen satt gelesen. Ich habe an ihrem Beispiel gute und schlechte Literatur unterscheiden gelernt, und mein Bedarf war irgendwann endgültig gedeckt. Und was ist schon ein dünnes Heft voller bunter Bildchen gegen ein mehrbändiges Werk von Frau Welskopf-Henrich?

Bei WIKIPEDIA fand ich neben anderen Hinweisen zum Thema „Schund und Schmutz in der Literatur“ den folgenden Text, den ich kommentarlos so stehen lassen möchte:
„In der DDR wurde der Begriff ideologisch für die Auseinandersetzung der Gesellschaftssysteme genutzt und mit folgender Lesart definiert (Lexikon A–Z in zwei Bänden. Leipzig 1958): Schundliteratur: „Literatur, die nach Form und Inhalt wertlos (z. B. verlogen-sentimentale Liebesromane) und, besonders für Jugendliche, moralisch gefährlich ist (z. B. Gangstergeschichten). Die S. wird in den Ländern des Friedenslagers energisch bekämpft und vor allem durch eine wertvolle Jugendliteratur ausgeschaltet, während sie in den kapitalistischen Ländern teilweise in den Dienst der Aufrüstung gestellt wird.“ In den Schulen der DDR wurden jährlich durch die Klassenleiter Belehrungen über das Verbot von sogenannter „Schmutz- und Schundliteratur“ durchgeführt.“

(Forts. Folgt)

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