Bücherei – Heute: Teil 12, der vom Ruhm des Großen Erzählers handelt

Seltsamerweise hatte ich als Junge nie den Wunsch, es den Autoren meiner Lieblingsbücher gleichzutun. Bis kurz vor dem Ende der Schulzeit wußte ich nicht, was ich werden wollte. Hätte ich als Berufswunsch „Schriftsteller“ geäußert, hätte man mich für verrückt erklärt, man hielt mich sowieso für ein wenig verdreht, wie meine Mutter es ausdrückte. Heute finde ich es um so verwunderlicher, weil ich mit zwölf oder dreizehn Jahren Gelegenheit hatte, vom süßen Ruhm des Großen Erzählers zu naschen. Ich war unsportlich und körperlich nicht besonders robust. Bei meinen Mitschülern war ich wegen meiner Andersartigkeit nicht sehr beliebt, aber sie ließen mich in Ruhe, weil ich trotz meiner guten Zensuren nicht als Streber galt. Ich hatte zwei gute Freunde in der Klasse, und während der großen Pausen, die wir bei gutem Wetter brav im Kreis gehend auf der abgesperrten Straße vor dem Schulhaus verbrachten, vertrieben wir uns die Zeit, indem ich ihnen Geschichten erzählte. Meist kombinierte ich Motive aus Büchern, die ich gerade gelesen hatte, mit eigenen Erfindungen. Daraus entstanden ganz krude und abenteuerliche Geschichten, ganz wie in meinen Tagträumen, jedoch immer auch ein wenig zensiert, weil ich nicht wußte, was ich meinen Freunden wirklich zumuten konnte. Als einmal zufällig ein Vierter hinzukam, der meine Geschichten ebenfalls „klasse“ – heute würde man sagen „cool“ – fand, sprach sich das herum, und für eine längere Zeit zogen wir als Sechser- oder Achter-Trupp unsere Runden, und manchmal waren auch Mädchen dabei, und da schwoll mir dann doch der Kamm. Ich erzählte meine Geschichten, die ich aus dem Stegreif erfand, und die anderen gingen lauschend und stumm ihre Pausenbrote kauend neben mir her. Jeder wollte mir nahe sein, um mich besser hören zu können, und das schmeichelte meiner Eitelkeit und es streichelte mein schwächliches Ego. Doch Erfolg läßt sich nur durch Steigerung erhalten, und ich war gezwungen, mir ständig erstaunlichere und gewagtere Szenarien auszudenken, und ich benutzte dazu die Unterrichtsstunden. So war ich unaufmerksamer als sowieso schon, handelte mir Ärger mit den Lehrern ein, und zu Beginn der großen Pause hatte ich meist vergessen, was ich erdacht hatte. So mußte ich improvisieren, und ich begann mich zu wiederholen, und nach und nach hatten kaum noch meine Freunde Interesse an meinen Erzählungen. Vielleicht ist mir das eine Lehre gewesen, aber vielleicht war es auch so, daß mich das ständige Etwas-Erfinden-Müssen zu ermüden und zu langweilen begann, und ich beendete meine kurze Karriere als Großer Erzähler.

(Forts. folgt)

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Bücherei – Heute: Teil 11, in dem es um das Pressewesen geht

Die Familie meines besten Freundes wohnte einige Jahre in der Wohnung unter der unseren im Erdgeschoß, ich erwähnte es bereits. Der Vater war ursprünglich Beamter bei der Deutschen Reichs-Post gewesen, aber er arbeitete – zur Bewährung, wie es hieß – in den Chemiewerken in Böhlen. Man neigte eher zum Bildungsbürgertum, aber man kehrte es nicht heraus. Unsere Familien pflegten freundschaftlichen Umgang. Sie hatten einen großen alten Bücherschrank voller dicker alter Bücher, die von den wunderlichsten Dingen zeugten, und ich lernte, daß auch ein politisch veraltetes Lexikon sehr nützlich sein kann, und wie schnell ein Lexikon politisch veraltet, haben wir erst kürzlich gesehen. In dieser Familie war vieles anders als bei uns, angefangen bei der Wohnungseinrichtung, über Kleidung und Eßgewohnheiten bis hin zum Umgangston, und ich fand es bei ihnen allemal interessanter als bei uns. Eine erstaunliche Sache war es um den „Lesezirkel“, den sie abonniert hatten. In einer dicken schwarzen Mappe, die wöchentlich ausgetauscht wurde, befanden sich so ziemlich alle populären Zeitschriften des Landes. Auch alle unpopulären, aber die las man eben nicht. Bis zu einem gewissen Alter besaß ich keinen eigenen Wohnungsschlüssel. Kam ich aus der Schule nach Hause, und meine Mutter war wegen einer Besorgung unterwegs, oder sie war beim Friseur, klingelte ich an der Tür der Wohnung unter uns, und ich erhielt bis zu ihrer Rückkehr anstandslos Asyl, eine Glas Saft oder eine Tasse Kakao und die Gelegenheit im „Lesezirkel“ zu schmökern. Auf diese Weise lernte ich die „Weltbühne“ kennen, die wunderbaren, lustigen Zeichnungen des Berliners Erich Schmitt in der „Wochenpost“, und mein Urteilsvermögen wurde durch die Lektüre des „Eulenspiegels“ geschult. Es kann sein, daß auch das „Magazin“ ein Bestandteil des Lesezirkels war, aber es interessierte mich noch nicht. Das kam später. Damit habe ich die wichtigsten, ernst zu nehmenden Populär-Zeitschriften der DDR genannt, und heute bin ich froh, schon als Kind an ihnen partizipiert zu haben, denn der Journalismus der Republik insgesamt konnte einen Hund jammern. Manchmal verlor ich mich zwischen den Heften, ich vergaß die Zeit und es kam vor, daß meine Mutter mich heimholen mußte.

Wir hatten die regionale Tageszeitung abonniert, aber außer der Wochenendbeilage, die eine für DDR-Verhältnisse erstaunliche Qualität besaß, war das kein Lesestoff für mich. Mein Vater bezog die „Einheit – Zeitschrift für internationale Theorie und Praxis“, ein Organ der SED und völlig unlesbar, und die „Technische Gemeinschaft“, das Organ der „Kammer der Technik“, der Standesorganisation der Technischen Intelligenz. Die Zeitschrift hatte eine Rubrik „Neues aus aller Welt“, in der technische Neuerungen – wirklich aus aller Welt – in kurzen Artikeln, manchmal mit Foto, vorgestellt oder glossiert wurden. Das interessierte mich, und ich las regelmäßig die Beiträge, wenn sie mich im Niveau nicht überforderten. Ähnlich war es mit der „PRAMO“, die eigentlich „Praktische Mode“ hieß, und die meine Mutter abonniert hatte. Es war die Modezeitschrift für die werktätige Frau, ganz auf den Alltag abgestimmt, und jedem Heft lagen zu allen Modellen auch stets die Schnittmusterbögen zum Selbstschneidern bei. Am Ende eines jeden Heftes war eine kulturelle Rubrik angeordnet. Auch das interessierte mich, und die Kurzgeschichten, Feuilletons und Buchtips – auch Gedichte und Rezepte – las ich mit Vergnügen. Außerdem hatte meine Mutter den „Filmspiegel“ abonniert, eine schmalbrüstige Kino-Illustrierte, die ich nur schwarz-weiß in Erinnerung habe, obwohl ich weiß, daß sie irgendwann farbig wurde. Ich fand sie interessant, aber wie gut sie wirklich war, kann ich bis heute nicht beurteilen, jedenfalls war sie sehr informativ. Wenn ich Geld hatte, und die 60 Pfennige hatte ich irgendwie meistens, kaufte ich das „Mosaik“ – DEN Comic der DDR, und ich hörte, heute sei er Kult. Irgendwann hatte ich eine stattliche Anzahl davon, die ich strikt nach Nummern sortiert in einem Schränkchen aufbewahrte, und ab und zu nahm ich einen Stoß heraus, um die Hefte wiederholt durchzuschmökern. Ich liebte sie. Eines Tages steckte mein Vater sie alle in den Küchenherd, und zündete sie an. Viele verbrannten, einige konnte ich retten, das Feuer war schlecht gelegt. Der Anlaß wird nichtig gewesen sein. Wir haben nie, auch nicht, als ich bereits erwachsen war, darüber gesprochen. Mein Vater war ein Techniker, ein Schlosser, ein Bastler und Tüftler. Kurz vor seinem Renteneintritt wurde er ehrenhalber zum Ingenieur ernannt. Als wir Söhne alle aus dem Haus waren, richtete er in unserem Kinderzimmer eine Werkstatt mit Werkbank, Schraubstock, Werkzeugmagazin und kleinen Maschinen ein. Als M. K.`s damalige Ehefrau Annemarie K. einen Puppentrickfilm zum Thema Arbeitsschutz entwarf, entwickelte und fertigte er die Maschinenmodelle, die in dem Film eine Rolle spielen sollten. Es gibt noch heute Standfotos davon. Etliche Prüfvorrichtungen in dem Betrieb, dem er angehörte, hatte er selbst entworfen und konstruiert. Als wir noch kleiner waren, bastelte er für uns Weihnachtsgeschenke. Unser jüngster Bruder erhielt die Krönung, das Hauptwerk sozusagen, eine aus preiswerten Anfängen nach und nach um- und aufgerüstete elektrische Eisenbahn. Ich beurteilte sein handwerkliches Geschick immer kritisch, habe aber aus Respekt die Kritik nie laut geäußert. Die Feinheit und Präzision seiner Produkte ließ zu wünschen übrig, aber er schaffte es immer, daß sie – irgendwie – wunschgemäß funktionierten. Nachdem er seinen ältesten Sohn an die Pädagogik verloren hatte, hoffte er, daß ich in seine Fußstapfen treten würde. Es ist ihm aber nie gelungen, technisches Verständnis und Interesse in mir zu wecken. Und weil er es nicht verstand, und weil er keine Geduld mit mir hatte, hat er es auch nie versucht, ich meine, wirklich versucht. Hin und wieder bekam ich Werkzeug geschenkt, mit dem ich nichts anfangen konnte, und es ist mir nie gelungen, eine Bastelei bis zum Ende zu bringen. Meine Produkte aus dem Werkunterricht der sechsten Klasse, Schlüsselbrettchen, Wandkonsolen, Untersetzter, Bilderrahmen, die ich selbst ganz in Ordnung fand, nahm er gar nicht wahr. Es muß ihm auf der Seele gelegen haben, und es muß eine schwere Kränkung für ihn gewesen sein. Nur so kann ich mir erklären, daß er sich zu solch einer Tat hinreißen ließ. Später konnte ich ihn halbwegs versöhnen, als ich den Beruf eines Maschinenbauers erlernte. Ich tat es aber nicht darum, und auch nicht, weil ich das Feilen und das Bohren so liebte, sondern weil ich als Maschinist zur See fahren wollte, und weil es mir vernünftig erschien, neben der Seemannschaft einen Beruf für das spätere Leben an Land zu haben. Als ich zur Computerei wechselte, hat es ihn nicht weiter gestört, denn das war etwas, was er technisch nicht verstand, und davor hatte er Respekt.

(Forts. Folgt)

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Bücherei – Heute: Teil 10, in dem gegen Schund und Schmutz gekämpft wird

Die öffentlichen Bibliotheken waren immer eine zuverlässige Bastion im Kampf gegen die imperialistische Unkultur und irgendwann gab es auch keine privaten Leihbüchereien mehr. Aber – ein Volk, das Karl May für einen bedeutenden Schriftsteller hält, läßt sich nicht so leicht auf Maxim Gorki und Sozialistischen Realismus einschwören, und sein alter Held Tom Mix feierte seine amerikanisierte Wiedergeburt. Die Wege, über die die bunten Groschenhefte aus dem Westen kamen, waren vielfältig. Bis 1961 war es sicher einfach, sie über die Grenze zu bringen, aber der Strom riß auch nach dem Bau der Mauer nicht ab. Mein bester Freund hatte wohlhabende Verwandtschaft in Westberlin. Sie betrieb das Bäcker- und Konditorhandwerk, und solange es möglich war, verbrachte er jedes Jahr einen Teil der Sommerferien dort. Nach seiner Rückkehr hörte ich jedes Mal staunend von den wunderbaren Dingen, die ihm widerfahren waren. Die Wohltaten, die die Konditorsleute an ihm verrichteten, war Legion. Auch ich profitierte von ihnen, denn er brachte die bunten Hefte kiloweise mit, und entweder schmökerten wir sie gemeinsam in seinem Zimmer oder ich lieh mir einen Stoß der Hefte aus, und ich konsumierte sie gleich mehrmals hintereinander heimlich bei mir zu hause. Heimlich, weil mein Vater – eingeschworen auf die offizielle Parteipolitik – so etwas nicht dulden konnte. Irgendwann kam mir allerdings der Verdacht, daß es ihm weniger um den Schutz meiner zarten Kinderseele ging, als darum, was die Leute sagen würden, wenn es herauskäme. Es war wie mit dem Westfernsehen: Jeder wußte, daß es verboten war, aber auch nicht richtig verboten, jeder schaute es trotzdem, und jeder wußte, daß jeder es trotzdem schaute. Wenn ich mich recht erinnere, gab es ein Gesetz gegen Schund- und Schmutzliteratur, aber wer wollte entscheiden, ob „Fix und Foxi“ eher Schund oder doch mehr Schmutz waren? Also tat man das Übliche, man versuchte gar nicht erst zu differenzieren. Aber nur die schauten nicht weg, die es von Berufs wegen nicht konnten, zum Beispiel Zöllner und Lehrer. In den Schulen kam es schon mal vor, daß zu Beginn einer Unterrichtsstunde alle Schüler ihre Ranzen und Taschen ausleeren mußten, und alles, was nach Comics und Groschenheften westlicher Herkunft aussah, wurde beschlagnahmt. Bei dieser Gelegenheit wurden Spielzeugpistolen, Katapulte und Fahrtenmesser gleich mit konfisziert.

Das System trieb seltsame Blüten. Einmal bekam ich Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“ von einer meiner Braunschweigischen Tanten geschenkt. Ich lieh es einem Freund, der einige Häuser weiter in der Straße mit seiner alleinstehenden Mutter wohnte. Zwei Stunden später brachte er es mir zurück. Seine Mutter hätte das angeordnet, weil es von einem westdeutschen Verlag herausgegeben worden war. Ein Wunder, daß sie ihm nicht den Umgang mit mir verboten hatte! Sie heiratete ein paar Jahre später einen Pförtner der Bezirksparteileitung, und ich gratulierte meinem Freund von ganzem Herzen zu seinem Stiefvater.

Heimat- und Liebesromane, die meine Mutter gern konsumierte, mochte ich nicht. Ich mochte die Jerry-Cotton-Hefte, ohne freilich zu ahnen, daß ein verrückter Sachse, noch einer, der Erfinder war, und auch sonst alles, was nach Krimi roch. Die Western-Romane hatte ich bald über. Ihre Geschichten um die ewigen Weidekriege waren mir zu schlicht gestrickt, und wenn es um Gangster, zum Beispiel Butch Cassidy, ging, verstand ich nicht, wieso sie Helden sein konnten. Die Helden hatten immer die Guten zu sein, hatte man mich gelehrt, und ein wenig glaube ich noch heute daran. Die bunten Comics fand ich zwar ein wenig seltsam, aber ich war kein Kostverächter. Akim und Tarzan, Prinz Eisenherz und Phantom, Sheriff Teddy und seine Polizeitruppe – ich las alles. (Kann man ein Comic eigentlich „lesen“?) Trotz ihres im Grunde karikaturistischen und kindischen Charakters konnte ich mich nicht damit abfinden, daß die Leute in den Bildergeschichten wirklich totgeschossen wurden, denn ich hatte, wie wir alle, eine pazifistische Grunderziehung genossen. Wenn in „Sheriff Teddy“ der milchbärtige Schütze den alten Westerner erstaunt fragt: „Oh, ist er schon tot?“ und der Alte knurrt: „Er hat es nicht besser verdient!“, dann weckte das Gefühle in mir, mit denen ich nicht umgehen konnte, und wäre ich ein Zeichner, könnte ich noch heute das Bild aus der Erinnerung reproduzieren. Am besten gefielen mir die Micky-Maus-Hefte. Die Welt, die sie widerspiegelten, war mir zwar fremd, aber die Figuren hatten was, und die phantasievollen Geschichten, in denen auch immer irgendwelche skurrilen Erfindungen mitspielten, regten zum Träumen und Modellieren mit Knete an. Die Frage, ob Donald mit Daisy Sex hatte oder nicht, stellte sich mir nicht, aber es blieb ein großes Geheimnis, wieso der Erpel seine drei Neffen allein großziehen mußte. Hannes Hegens MOSAIK war eine gute Antwort auf die Herausforderung, aber es war das selbe, als wollte man mit einem einzigen Sandsack einen gebrochenen Damm schließen. Es gab noch andere Versuche einer Antwort. Aber die waren entweder nicht bunt, oder nicht lustig, oder sie waren zu didaktisch und vordergründig propagandistisch. Aber auch hier, wie auf so vielen Gebieten in der DDR, steckte der Teufel im Detail, und nichts war so homogen und strikt, wie man es uns heute manchmal glauben machen möchte. Die Fünfundzwanzig-Pfennig-Hefte der Reihe „Das Neue Abenteuer“ vom Verlag Neues Leben, Berlin, waren zwar meist schlimmer Schund und ihre Titel waren mit schändlich-schlechten Illustrationen versehen, aber immerhin verdanke ich ihnen meine erste Begegnung mit Jack London, Ring Lardner und O. Henry. Im Übrigen hörte ich, daß sich mancher ernsthafte Schriftsteller die Datsche und den Wartburg mit dem Schreiben solcher Hefte nebenher verdiente – unter Pseudonym, versteht sich. Heute weiß ich, daß andere ernsthafte Autoren diese Reihen bedienten, nur um die Miete bezahlen zu können. Wenn sie bei den Politikern in Ungnade gefallen waren, hoben die meisten Verleger bedauernd die Hände, und niemand muß sich wundern, daß sie ihre Manuskripte in den Westen gaben. Der großartige E. L. zum Beispiel schrieb humoristische Kriminalromane für den Eulenspiegel-Verlag, als er aus Bautzen zurück war. Später ging er weg. Er war aber der Erste, der 1989 zurückkehrte, und er las in den hoffnungslos überfüllten Kammerspielen vor einem atemlos lauschenden Publikum. Den stehenden Applaus nahm er sichtlich befriedigt entgegen.

Die Hefte dieser Reihen kosteten fünfundzwanzig oder fünfunddreißig Pfennige, und wir benannten sie nach ihrem Preis. Jeder wußte, was mit einem Fünfunddreißig-Pfennig-Heft gemeint war, das waren die der besseren Art. Sie hatten ein kleines Format, etwa A5, und man konnte sie bequem in die Jackentasche stecken, in der Straßenbahn oder im Unterricht lesen und bei Bedarf schnell wieder verschwinden lassen. Wir kauften sie bei den Schwestern Petermann, im Papierwarenladen um die Ecke. Zwei lustige Mäuse aus der Kinderzeitschrift „Atze“ hätten die Wende überlebt, hörte ich neulich, man dreht einen Zeichentrickfilm mit ihnen. Und wenn die bunten Hefte weiter nichts bewirkt haben, so habe ich mich doch an ihnen satt gelesen. Ich habe an ihrem Beispiel gute und schlechte Literatur unterscheiden gelernt, und mein Bedarf war irgendwann endgültig gedeckt. Und was ist schon ein dünnes Heft voller bunter Bildchen gegen ein mehrbändiges Werk von Frau Welskopf-Henrich?

Bei WIKIPEDIA fand ich neben anderen Hinweisen zum Thema „Schund und Schmutz in der Literatur“ den folgenden Text, den ich kommentarlos so stehen lassen möchte:
„In der DDR wurde der Begriff ideologisch für die Auseinandersetzung der Gesellschaftssysteme genutzt und mit folgender Lesart definiert (Lexikon A–Z in zwei Bänden. Leipzig 1958): Schundliteratur: „Literatur, die nach Form und Inhalt wertlos (z. B. verlogen-sentimentale Liebesromane) und, besonders für Jugendliche, moralisch gefährlich ist (z. B. Gangstergeschichten). Die S. wird in den Ländern des Friedenslagers energisch bekämpft und vor allem durch eine wertvolle Jugendliteratur ausgeschaltet, während sie in den kapitalistischen Ländern teilweise in den Dienst der Aufrüstung gestellt wird.“ In den Schulen der DDR wurden jährlich durch die Klassenleiter Belehrungen über das Verbot von sogenannter „Schmutz- und Schundliteratur“ durchgeführt.“

(Forts. Folgt)

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Bücherei – Heute: Teil 9, in dem ich ehrenamtlich tätig werde

Ich war ein Großstadtkind, und meine Erfahrungen mit dem Landleben beschränkten sich auf „Stadt und Land – Hand in Hand!“ aus dem Lesebuch der ersten Klasse und einem oder zwei kaum reflektierten Besuchen bei einem Onkel, Bruder meiner Mutter, im Vorpommerschen. Außerdem wußte ich, daß auch unsere Braunschweigischen Tanten, zwei Schwestern meiner Mutter, auf dem Lande lebten, und daß das nach dem Krieg ein großes Glück für uns gewesen war. Unsere Mutter erzählte manchmal von den Hamstertouren in jener Zeit, und ich sehe noch heute die Freßpakete der Tanten mit Kakaopulver, Kaffee, Kokosfett, Schönheitsseife und Wurstkonserven – echte Braunschweiger, hausgemacht bei Schlachter Ewers – auf unserem Küchentisch liegen. Manchmal war auch ein Fläschchen Weinbrand oder eine Packung Zigarillos für meinen Vater dabei. Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit Pfannkuchen, die eine der Braunschweigischen per Paket geschickt hatte, da war ich drei oder vier Jahre alt. Wie müssen die geschmeckt haben! Die Braunschweiger Wurst jedoch von Schlachter Ewers war immer ganz ausgezeichnet.

Meine Erfahrungen mit der Großstadt wurden nirgendwo widergespiegelt. Vielleicht in Benno Pludras „Sheriff Teddy“, das gab es auch als Film, aber das war speziell auf das geteilte Berlin zugeschnitten, und also berührte es mich kaum. Überhaupt spielte die Handlung der meisten Bücher und Filme, in denen Großstadt vorkam, immer in Berlin, und das fand ich nicht in Ordnung. Die besondere Situation der geteilten Stadt und die literarischen und dramaturgischen Möglichkeiten, die sich daraus ergaben, erkannte ich nicht. Die späte Begegnung mit Strittmatters „Wundertäter“, dessen ersten und zweiten Band ich von meinem Bruder auslieh, war erneut ein Schlüsselerlebnis, und bis heute schätze ich den Alten aus Dollgow. Ich lernte, daß Bücher über das Leben auf dem Lande oder sonstwo auch Bücher über das Leben überhaupt sein können, jenseits aller Schubladerei, und darin besteht letztendlich das ganze Geheimnis jeglicher Literatur. Den – damals – umstrittenen dritten Band besorgte ich mir selbst, und alles andere auch.

Obwohl die Kinderbücherei am Roßplatz stark besucht war, mußte sie mit einer Belegschaft von drei bis vier Bibliothekarinnen auskommen, und eine von ihnen war die Leiterin, die in der Ausleihe aber selten in Erscheinung trat. Ich erinnere mich an Rentnerinnen, die befristet als Urlaubsvertretung arbeiteten. Das Personalproblem wurde auf recht originelle Weise gelöst: Man warb Leser zur Mitarbeit an. Sie wurden Helferkinder genannt, und sie erledigten ein Reihe von Arbeiten, für die man keine Spezialkenntnisse benötigte. Sie nahmen die zurückgegebenen Bücher entgegen, prüften den Rückgabetermin und kontrollierten den Zustand der Bücher, und sie ordneten sie wieder in das Magazin ein. Sie suchten die neu entliehenen Bücher aus dem Magazin heraus, stempelten den Rückgabetermin in das Leseheft, und gaben die Bücher an die Leser aus. Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, hatte ich keinen größeren Wunsch, als ein Helferkind zu sein. Ich empfand es als unerhörte Auszeichnung, ständig mit Büchern umgehen zu dürfen. Eines Tages, die Einzelheiten erspare ich mir, hatte ich es geschafft, und ich bekam meinen Dienstplan.

Jedes Helferkind hatte ein bis zwei Mal für je zwei Stunden Dienst in der Woche. Auf die Einhaltung des Dienstplanes wurde streng geachtet, denn es gab jede Menge Arbeit, und wenn eines fehlte, war sie manchmal für die anderen kaum zu schaffen. Ich war immer ein sehr pünktlicher und gewissenhafter Helfer, einmal jedoch handelte ich mir einen ordentlichen Rüffel ein, weil ich zu spät kam. Schuld war mein Vater. Ich mußte ihm helfen, einen Schreibtisch mit dem Handwagen aus einem Gebrauchtwarenhaus abzuholen. Auch ein prägendes Erlebnis.

Der Andrang der Leserschaft hing von der jeweiligen Jahreszeit ab. Wir langweilten uns keineswegs, wenn weniger zu tun war, und wer denkt, daß in diesem Fall jedes Helferkind mit seinem Buch in einer Ecke saß und sich nicht muckste, der irrt. Meistens wurde geredet, über die Schule und die Lehrer, über Filme im Kino, über Eltern und Geschwister, aber selten über Bücher. Im entsprechenden Alter neckten wir uns mit den Mädchen, und manchmal spielten wir zwischen den Bücherregalen Verstecken. Bei dieser Gelegenheit habe ich das erste Mal ein Mädchen geküßt. Sie war in meinem Alter, hatte blondes Wuschelhaar, und sie war ein üppiges, kokettes kleines Luder. Ich war recht schüchtern, und die Initiative ging nicht von mir aus. Sie schnappte mich einfach und drückte ohne Vorwarnung ihre Lippen auf meinen Mund, und sie probierte gleich einen Zungenkuß. Nachdem ich mich von meinem ersten Schreck erholt hatte, probierten wir es gleich noch mal, und ich fing an, Gefallen an der Sache zu finden. Ich richtete es immer so ein, daß wir zusammen Dienst hatten, und sie hat mir zwischen den Regalen so manches beigebracht. Das ging so lange, bis ich sie ertappte, wie sie einem anderen Jungen die gleiche Gunst erwies. Sie war erst seit kurzem Helfer-„Kind“, und sie hat uns auch bald wieder verlassen.

Ein besonders vertrautes Verhältnis entwickelte sich zu einer Bibliothekarin, nennen wir sie Uschi. Sie war eine stets vergnügte junge Frau von etwa fünfundzwanzig (aber ich kann mich irren), und sie hatte dunkles lockiges Haar, einen hübschen Busen und eine lustige Himmelfahrtsnase. Ich erinnere mich an Gespräche über Liebe, Partnerschaft, Familiendinge, Sex – das war zu jener Zeit nicht selbstverständlich – , Freundschaft und eben alles, worüber ich zu Hause oder mit Freunden nicht reden konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich gar nicht gewußt, daß man überhaupt über all das reden kann. Einzelheiten habe ich vergessen, aber der Eindruck ist immer noch da, deutlich, als wäre es erst gestern gewesen. Mit der Zeit wurde sie für mich zu einer Bezugsperson, wie ich sie jedem heranwachsenden Menschen wünsche, und ich suchte die Bibliothek auch auf, wenn keine Ausleihzeiten waren, oder wenn ich keinen Dienst hatte. Es war eine sehr schöne Zeit, und ich war sehr glücklich.

Die Einrichtung der Helferkinder muß der Einfall eines genialen Kopfes gewesen sein. Wir Helfer wurden nicht dümmer, und wir lernten eine Reihe von Dingen, die sich später beim Umgang mit Literatur als nützlich erweisen sollten. Außerdem hatten wir immer Zugang zu den neuesten Büchern, und wir durften sie uns als erste ausleihen. Es gab keine Pluspunkte in irgendeinem Wettbewerb, und die Stunden wurden nirgendwo abgerechnet. Und wenn doch, dann wußten wir nichts davon. Das Bibliothekswesen aber sparte das Gehalt von mindestens zwei Hilfskräften. Nein, einen materiellen Vorteil hatten wir, abgesehen von meiner öffentlichen Auszeichnung – siehe oben, von unserer Arbeit nicht. Nur einmal, da griff ich zur Selbstjustiz. Ich habe es mir nicht verkneifen können, zwei ausgesonderte Bücher mitgehen zu lassen. Man nannte es Aussondern, wenn Bücher aus dem Bestand entfernt wurden, meist waren sie physisch verschlissen. Über Aussonderungen aus ideologischen Gründen ist mir zwar nichts bekannt geworden, jedoch fehlten irgendwann die Bücher westdeutscher Verlage, die in den 50er Jahren noch ohne weiteres Teil des Bestandes waren. Dabei denke ich mit Bedauern vor allem an die großartigen Geschichten um Dr. Dolittle von Hugh Lofting. Bevor ich nach Hause ging, schob ich die bewußten Bücher unter meinen Pullover, und hoffte inständig, daß ich nicht ertappt würde. Ich weiß nicht, ob Uschi es bemerkt hat, ich jedenfalls hatte wochenlang ein schlechtes Gewissen.

(Forts. Folgt)

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Bücherei – Heute: Teil 8, in dem nach Gründen gesucht wird

Als wir in der fünften Klasse – neben anderen neuen Fächern – das Fach Deutsch/Literatur bekamen, wurde Fräulein Irion unsere Klassenlehrerin. Sie unterrichtete uns in den Fächern Deutsch, Russisch und – später – auch Englisch. Aber Englisch war fakultativ. Es begann mit dreißig Schülern aus zwei Parallelklassen, und es endete mit fünf Schülern zum Abschluß der zehnten Klasse, und Raimund Hillert, der später auf dem zweiten Bildungsweg Mathematiker werden sollte, und ich waren unter ihnen. Es waren, neben Erdkunde und Geschichte, meine Lieblingsfächer, aber das Fräulein war nicht meine Lieblingslehrerin. Sie war keineswegs ein ältliches, verhuschtes Fräulein, ich fand sie sogar recht attraktiv, aber sie war manchmal recht zickig, und irgendwann kam mir der Gedanke, sie hätte als junges Mädchen ihr Coming-Out verpaßt. An das Fach Deutsch/Literatur in der fünften und sechsten Klasse habe ich so gut wie keine Erinnerungen. Aber dafür gibt es eine einfache Erklärung, wie es sich nach Gesprächen mit meinem Bruder herausstellte. Die Bücher, die auf dem Lehrplan standen, kannte ich alle schon, als sie behandelt werden sollten. Renns „Der Neger Nobi“ und „Trini“, „Das Eiserne Büffelchen“ von Alex Wedding und „Timur und sein Trupp“ von Gaidar, das später in Verruf kam. Dabei hat er auch „Tschuk und Gek“ geschrieben, eines der spannendsten und lustigsten Kinderbücher, das ich kenne. Mein Gott, wie muß ich mich im Unterricht gelangweilt haben! Ich sehe mich noch heute im Klassenzimmer in der Fensterreihe sitzen, das Kinn auf die Hand gestützt, und ich beobachte die Mauersegler, die um den Turm der Peterskirche flitzten, und solange die Kirchturmuhr noch funktionierte, wußte ich immer, wie viel Zeit bis zur Pause blieb. Entweder träumte ich mir Geschichten zurecht, die sich an Bücher und Filme anlehnten, die mir gefallen hatten, oder ich las unter der Bank heimlich meine eigene Lektüre. Was ich nebenbei aufschnappte, reichte immer noch für eine zwei, und durch meine stets ausgezeichneten Aufsätze erreichte ich auf dem Jahresabschlußzeugnis allemal eine eins.

Überhaupt waren Tagträume immer ein Mittel für mich, unangenehme Lagen zu meistern. Sie halfen mir, ihnen auszuweichen, und mich mit der rauhen Wirklichkeit auszusöhnen. Anregungen für die Träume entnahm ich meiner Lektüre. Der Bedarf an neuen Themen war groß, aber es gab ja so viele Bücher, es gab immer neue Abenteuer und neue Helden, und es gab immer einen neuen Kick. Während eines der ungeliebten Aufenthalte in einem Betriebsferienlager im Thüringer Wald nannte mich unser Helfer den „Philosophen“, weil ich mir die Zeit während der langweiligen Wanderungen mit Tagträumen vertrieb. Zu diesem Zweck marschierte ich stets allein am Ende oder an der Spitze der Gruppe durch die Gegend, still, mit abwesender Miene und verschlossenem Gesicht, und ich vermute, er hätte mich viel lieber den „Spinner“ genannt. Aber er war ein Kollege meines Vaters, und er war ein feiner und guterzogener Mensch. Sein Name war Herr von Knobloch.

Es bestand die Gefahr, die unreflektierten Geschichten für die Wirklichkeit selbst zu nehmen. Erst viel später, als Erwachsener, im Desaster meiner Ehe, die ich eingegangen war, weil ich glaubte, es einem angelesenen Ideal schuldig zu sein, wachte ich endlich auf. Bis heute belastet es mich, daß es mir nicht gelungen war, meine Familie zusammenzuhalten und sie mit Anstand über die Runden zu bringen. Es wäre sicher verrückt, die Schuld den Büchern meiner Kindheit in die Schuhe zu schieben, nicht wahr?

Irgendwann stand auch Erwin Strittmatters „Tinko“ auf dem Lehrplan. Ich weiß noch, daß ich es damals nicht gänzlich gelesen habe. Die Behandlung des Buches im Schulunterricht hat mich viele Jahre davon abgehalten, einem der bedeutendsten deutschen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen. Ich hielt ihn lange Zeit für einen Dorfliteraten, der von der modernen Welt keine Ahnung hatte. Manches, was man in „Tinko“ lesen kann, war mir als Großstadtkind eher befremdlich. Es gibt, glaube ich, eine Szene, in der die Tinko-Oma für den Briefträger Eier im Kaffeewasser kocht. Ich höre noch heute das kollektive „Ähhh!!!“ meiner Mitschüler, als Fräulein Irion uns den Text vorliest, und auch ich schüttelte mich. Anläßlich eines letzten Schultages vor den Großen Ferien las uns Fräulein Irion aus „Pony Pedro“ vor. Die Mädchen fanden es toll, wegen der Pferde, aber mich bestärkte es eher in meiner Haltung.

(Forts. folgt)

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Bücherei – Heute: Teil 7, in dem wir zum dramatischen Fach wechseln

Mindestens ebensogut kann ich mich an die Lese-Phase „Sagen“ erinnern, schon deshalb, weil sie Nachwirkungen bis heute hat. Erst kürzlich (d. i. 80er Jahre, d. A.) erstand ich zwei Bände klassischer griechischer Sagen, herausgegeben von Johannes Bobrowski. Mit den germanischen Heldensagen konnte ich nicht viel anfangen. Natürlich kannte ich die Siegfried-Sage, die Sagen um Dietrich von Bern und so weiter, und die sogenannten Heimatsagen waren mir zu hausbacken. Das bekannte Buch von Gustav Schwab dagegen ist für mich ein literarisches Schlüsselerlebnis gewesen. Später folgten andere, stärkere, aber es war wohl prägend für mein kindliches Gemüt. In der Bibliothek gab es damals eine besonders schöne dreibändige Ausgabe vom Kinderbuchverlag. Die Illustrationen waren klassischen Vorbildern nachempfunden, und bevor ich lesen konnte – mein älterer Bruder hatte sie sich ausgeliehen – machten sie mich neugierig auf diese Bücher. Ich bewunderte die Griechen, besonders Odysseus wegen seiner Cleverneß (Auch er muß ein „Leser“ gewesen sein, und daß er zunächst nicht an dem dubiosen Feldzug teilnehmen wollte, hätte mir zu denken geben müssen.), und ich verachtete die Trojaner. Paris hielt ich für ein Ausbund an Feigheit – man vergreift sich doch nicht an fremden Frauen! Ich war noch sehr jung, und bei Schwab konnte man nicht lesen, wo der Hund begraben liegt. Erst später, als ich in unserem „Theater der Jungen Welt“ das Stück „Die Trojaner“ sah, das wenig mit der griechischen Mythologie zu tun hatte, ging mir ein Licht auf …

Meine erste Klassenlehrerin war Frau Zimmermann. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, sie eine schöne Frau zu nennen, aber heute weiß ich, daß sie eine blasse, rotblonde Schönheit war mit einem zarten Körperbau und mit lustigen Sommersprossen im Gesicht, immer quicklebendig und voller Ideen, und wenn ich an meine Schulzeit denke, dann denke ich auch immer an Frau Zimmermann. Sie hat meine Liebe zu den Büchern immer gefördert, und sie war meine Klassenlehrerin bis zur dritten Klasse. Dann verlor ich sie ein wenig aus den Augen. Als ich in der sechsten oder siebenten Klasse war, leitete sie den Laienspielzirkel unserer Schule, dessen Mitglied ich wurde. Wir spielten Weihnachtsmärchen und politisches Kabarett, und wir „umrahmten“ Elternveranstaltungen. Meine Eltern waren stolz wie die Spanier, wenn ihr sonst so unauffälliger „mittelster“ Sohn sich auf der Bühne der Aula herumquälte, weil er wieder mal den Text nicht richtig gelernt hatte. Wir traten vor Schulkindern und Rentnern auf, zu Betriebsweihnachtsfeiern für die Kinder der Belegschaften irgendwelcher Betriebe, bei den sogenannten Volkswahlen und zu allen möglichen anderen Festlichkeiten. Manchmal wurden wir mit einem Bus ins Leipziger Umland kutschiert. Betriebsweihnachtsfeiern fand ich in Ordnung, weil dabei außer einem feuchten Händedruck auch immer Kakao und Stollen und ein Bunter Teller abfielen. Den größten Erfolg feierten wir mit dem Stück „Schneeweißchen und Rosenrot“ nach dem bekannten Märchen. Ich spielte den bösen Zwerg, und meine Partnerin Angelika Sander, die das Schneeweißchen spielte, mußte ständig meinen dreistufig konstruierten Bart aus Pelzresten kürzen. Einmal, es war auf der Kinderweihnachtsfeier einer LPG, fand sie die Sicherheitsnadeln nicht, mit denen er zusammengehalten wurde, oder sie konnte sie bloß nicht öffnen. Zur Sicherheit hatte sie immer eine Nagelschere dabei, aber bis sie die Schere gefunden und die Pelzreste zertrennt hatte, und das dauerte ein Weilchen, improvisierte ich wie der Teufel um die Zeit zu überbrücken. Mein lautes Geschimpfe, Gekreische und Gezeter brachte die Kinder im Saal zum Toben, und es gab Beifall auf offener Szene. Was für ein Erfolg! Frau Zimmermann kriegte sich vor Freude nach der Vorstellung gar nicht wieder ein. In der neunten und zehnten Klasse war sie wieder meine Lehrerin für Literatur, und meinen Aufsatz zur Abschlußprüfung habe ich im Stillen ihr gewidmet. Viele Jahre später, ich war bereits Vater meiner Kinder und meine Ehe lief schlecht,  begegnete ich ihr in der Unterführung vor dem Leipziger Hauptbahnhof. Und noch ehe ich sie bemerkte, sprach sie mich an. Ich war schlechter Laune, irgendeine Besorgung war zu erledigen und ich hatte es eilig, und ich fühlte mich sowieso wegen meiner persönlichen Lage rundum unwohl. Sie strahlte über das ganze Gesicht, und in ihrer lebhaften Art wünschte sie Auskunft über meine Familie, mein Leben und meine berufliche Situation. Mir aber war die Begegnung eher lästig, und ich fertigte sie mit ein paar nichtssagenden Worten ab. Ich verabschiedete mich hastig, und dann rannte ich die Treppe zur Haltestelle der Straßenbahn hinauf. Auf der vorletzten Stufe stolperte ich. Ich konnte mich nicht abfangen, und ich stürzte. Ich knallte mit dem linken Schienbein gegen die Kante der obersten Stufe, und der Schmerz nahm mir den Atem und trieb mir Tränen in die Augen. Ich rappelte mich auf, und als ich mich umsah, sah ich Frau Zimmermann fassungslos und mit offenem Mund und mit aufgerissenen Augen am Fuße der Treppe stehen. Meine Straßenbahn kam, und unter Schmerzen lief ich los, um sie nicht zu verpassen.

(Forts. folgt)

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Bücherei – Heute: Teil 6, in dem es philosophisch wird

Und damit sind wir bei einem Gegenstand, der mich Zeit meines Leserlebens bis ins fortgeschrittene Erwachsenenalter hinein beschäftigte, und der mir so manchen Verdruß bereitete. Ich meine die Einsamkeit des Lesers. Die Einsamkeit des Langstreckenläufers kennt man, nun gut, und Insider wissen um die Einsamkeit des Autors. Aber die Einsamkeit des Lesers? Ich will versuchen, zu erklären. Die Lektüre eines Buches ist, im Gegensatz zum Konsum anderer Medien, keine Sache, die man im Augenblick der Rezeption mit anderen Menschen teilen kann. Dabei denke ich vor allem an Theateraufführungen und Konzerte, an die Tausenden von Menschen bei den Rockevents in den Stadien, und selbst in einer Bildergalerie ist man nie allein. Radio hören und fernsehen kann man zwar auch ganz für sich, aber ich kenne Familien, da spielt sich die Abendunterhaltung vor dem laufenden Fernsehgerät ab, als wäre es das Lagerfeuer. Keiner interessiert sich dafür, aber wenn es ausgeschaltet ist, heult die Sippe auf. Der Leser jedoch sitzt mit seinem Buch in seinem Sessel, oder wo auch immer, und zwar allein, allein mit sich, dem Helden und dem Autor. Selbst den vergißt er, wenn es ein guter Autor ist, einer, der hinter die Geschichte zurücktritt, und der sie so geschrieben hat, daß sie wirklicher ist, als wenn sie tatsächlich passiert wäre, wie Mister Hemingstein meinte. Der Leser möchte nicht gestört werden. Er will sich auf den Lesestoff konzentrieren, und das Allerhöchste an Geräusch, das er dulden kann, ist eine leise musikalische Untermalung. Wenn ich als Kind beim Lesen war und meine Mutter mich zum Essen oder zum Geschirrabtrocknen in die Küche rief, hätte ich jedes Mal vor Verzweiflung und ohnmächtiger Wut aufheulen können.

„Wenn die Geschwister plärren und die Mutter keift, wenn der Vater nach der Pulle greift, wenn Gäste vor der Türe stehn, Leser, mußt Du stiften gehen!“
(Von mir.)

Der Versuch, öffentliche Lesehallen zu betreiben, hatte sich schnell überholt, als die Wohnbedingungen besser wurden, und ich kannte genügend Plätze, an die ich mich zum ungestörten Lesen zurückziehen konnte. Aber das ist die Theorie. Die Sache hat noch einen anderen, wenn man so will, sozial-praktischen Aspekt. In der Gesellschaftsschicht, aus der ich komme, war das Lesen von Büchern, bis auf Ausnahmen, versteht sich, nicht die Norm. Und sie ist es nach meinen Erfahrungen auch heute nicht. Der Leser, bleiben wir bei dieser sozialen Kategorie, tendiert zum Individualismus. Er entzieht sich eher dem Gruppenzwang, und er interessiert sich weniger für Sport im Verein und Motorräder in der Clique – heute erfüllen Autos diese Funktion – und Auslandsurlaub in der Reisegruppe, und einen Kleingarten schätzt er vor allem wegen der Möglichkeit, mit seinem Buch, einem Liegestuhl und einem Glas Wein hinter einer dichten Hecke verschwinden zu können. Kurz, der Leser als soziales Wesen neigt zu Absonderung, und seine Mitmenschen, die Nichtleser, begegnen Ihm mit Skepsis und Mißtrauen. Vor allem mit Mißtrauen, und das ist angebracht, denn der Leser neigt außerdem zum Nachdenken über Gott und die Welt, über Politik und Politiker, über Ökologie und Ökologen, Lehrer und Belehrte, über Künstler und Kulturfunktionäre und über seine sonstigen Mitmenschen. Ein Kerl, der lieber mit einem Buch ins Bett geht statt mit einem anständigen Rausch, und ein Typ, der lieber über Kerouac und Dostijowski redet als mit seinen sexuellen Abenteuern zu prahlen, verdirbt den ganzen Spaß und die Laune der übrigen Lehrlinge auf der Internatsbude. Und das macht einsam.

(Forts. Folgt)

 

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Bücherei – Heute: Teil 5, in dem Schwung in die Geschichte kommt

Als ich begann Lesen zu lernen, und als sich die ersten Erfolge zeigten, versuchte ich alles zu lesen, was sich mir an Gedrucktem darbot. Ladenschilder, Plakate, Transparente – „Deutsche an einen Tisch!“ stand an vielen Mauerresten geschrieben – , Anschläge an Litfaßsäulen, Preistafeln in Läden und an Kiosken. An manchen Häuserwänden war deutlich „LSR“ zu lesen und lange Pfeile wiesen irgendwohin. Auf meine Fragen erhielt ich keine erschöpfende Auskunft, aber die Geschichten von den Bombennächten, die meine Mutter mit meinem Bruder in Chemnitz verbringen mußte, waren während meiner Kindheit allgegenwärtig. Besonders die Geschichte vom vergessenen Pflaumenkuchen, und ich wette, in fast jeder deutschen Familie gibt es eine Geschichte vom vergessenen Pflaumenkuchen. Natürlich las ich laut, und meine arme Mutter muß manchmal schrecklich genervt gewesen sein, wenn wir zusammen einkaufen gingen oder ich ihr bei irgendeiner Besorgung behilflich war. Ich zeigte schon vor meiner Einschulung reges Interesse an Gedrucktem. Ich erinnere mich, daß ich die Buchstaben eines Zeitungsartikels mit Bleistift auf ein Blatt Papier übertrug, das ich meiner Mutter zu lesen gab. Sie hat herzlich gelacht, und ich weiß bis heute nicht, was ich „geschrieben“ hatte.

Dabei hatte ich keinen guten Start ins Schülerleben. Einige Wochen vor meiner Einschulung erkrankte ich an Scharlach, und das war damals eine ernste Sache. Im Krankenhaus wurde ich mit Penizillin vollgepumpt – im wörtlichen Sinne per Injektionsspritze -, und als ich wieder zu hause war, mußte ich noch drei Wochen im Bett bleiben, und ich bekam drei weitere Wochen Erholung verordnet. Der erste September fiel in diese Zeit, und so erlebte ich meinen ersten Schultag Wochen später, und es gab auch keine Familienfeier. Ich bekam aber eine Zuckertüte, und ich kam mir ziemlich bescheuert vor, als mich meine Mutter mit dem Ding nach Schulschluß abholte. Im Haus gegenüber, in der Nummer 36, wohnte ein Mädchen namens Eva Weidhaas, das so alt war wie ich und das in die selbe Klasse eingeschult wurde. Ich kannte sie vom Sehen, aber näheren Kontakt hatten wir nicht. Unsere Mütter vereinbarten, daß Eva jeden Tag, an dem ich mich erholen und noch nicht zur Schule gehen sollte, eine halbe Stunde zu uns nach hause kam, um mir den neuesten Lernstoff zu vermitteln. So wurde sie meine erste Lehrerin, und ich übte unter ihrer Anleitung das Malen von Zuckertüten und irgendwelchen Kringeln. Auch die ersten Buchstaben und Ziffern brachte sie mir bei. Sie war recht hübsch, trug immer adrette Kleidung, und sie hatte nie zerschrammte Knie oder schmutzige Hände. Meine Mutter kochte Kakao und reichte Kekse oder anderes Gebäck, wenn wir in unserem Wohnzimmer am Eßtisch saßen und lernten, und das war unter der Woche eher ungewöhnlich. Eva war ein sehr gewissenhaftes Kind, und sie korrigierte meine ungelenken Versuche stetig und mit großem Eifer, und heute weiß ich, daß sie es genoß.

Als ich endlich richtig lesen konnte, verschlang ich zunächst den Rest des Lesebuches der ersten Klasse, und nachdem ich alle meine Bilderbücher selbst gelesen hatte, vollständig das der zweiten, das irgendwo herumlag.

Das erste Buch, das ich in der Kinderbücherei auslieh, war eine Sammlung Persischer Märchen, und es hieß „Das Papageienbuch“. Es war wunderbar farbig illustriert, und heute weiß ich, daß es eine Menge mit den „Märchen aus Tausendundeiner Nacht“ zu tun hatte. Ich kannte Europäische Märchen durch Filme und Hörspiele, aber die orientalische Exotik übte auf mich eine Wirkung aus, die faszinierend und beunruhigend zugleich war. Ich glaube, damit war ich ein und für allemal der Lesemanie verfallen. Hunderte, ja Tausende Bücher warteten darauf, von mir gelesen zu werden, was für ein Gedanke! Meinen Eltern wurde erst später und ganz allmählich klar, was sie angerichtet hatten, als sie das Anmeldeformular unterschrieben. Aber da war schon alles zu spät. Sie zeigten freilich wenig Interesse an meiner Leidenschaft, es sei denn, sie fühlten sich gerade mal wieder bei einem Elternabend wegen meiner Faulheit und Schlampigkeit öffentlich angegriffen. In diesem Falle gab es Büchereiverbot, das ich jedoch geschickt unterlief. Vielleicht war es aber nur so, daß meine Eltern keine Ausdauer bei der Überwachung des Verbots aufbrachten. Ich kann mich nicht erinnern, daß sie je versucht hätten, mich bei der Auswahl meiner Lektüre zu beraten. Allerdings war man damals bei den Bibliothekarinnen in guten Händen. Die heute allgemein übliche Freihandausleihe war in öffentlichen Bibliotheken unbekannt. Die Bibliothekarin hatte eine große Kartei vor sich auf der Theke, in der die Bücher nach Lesealter und Themen geordnet waren. Statt eines unscheinbaren Leserausweises hatte man ein sogenanntes Leseheft. Nach einem Blick auf den Umschlag des Heftes, auf dem der Geburtstag vermerkt war, wählte sie in der Kartei aus und machte dem kindlichen Leser Vorschläge. Man nahm, was man nicht kannte. Oh, diese Methode hatte ihre Vorzüge! Auf diese Weise war die Auswahl bunt und vielfältig, und man wurde nicht einseitig. War man ein häufiger Besucher wie ich, dann kannte die Bibliothekarin natürlich die vom Leser bevorzugte Art von Büchern. Eine andere Methode war es, sich eine Bücherliste anzufertigen, die man der Bibliothekarin übergab oder vorlas. Aber das war mir zu aufwendig, und ich liebte die Überraschung. Ich wechselte alle paar Monate meine Lieblingsthemen. Märchen und Sagen, der Bürgerkrieg (in Rußland, natürlich) und der Große Vaterländische Krieg, Seefahrer und Entdecker, Populärwissenschaft und Technik, die Indianer und ihr Kampf gegen das Vordringen der Europäer oder eben einfach nur Geschichten – das waren solche Phasen, wobei mir die Phase „Seefahrer und Entdecker“ besonders gut in Erinnerung geblieben ist. Die Herren Cook und Krusenstern, Miklucho-Maklai und Magellan und andere, deren Namen ich vergessen habe, waren in dieser Zeit meine Helden. Das Problem bestand darin, daß sich außer mir niemand sonst für diese Burschen interessierte.

(Forts. folgt)

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Bücherei – Heute: Teil 4, in dem wir zum Thema zurückkommen

Am liebsten spielten wir auf der Zweiunddreißig. So nannten wir ein Trümmergrundstück, die Reste des Hauses Nummer 32, auf dem sich die Jugend der Straße zu treffen pflegte, bis auch dieses eingeebnet wurde. Wir bauten aus den herumliegenden alten Ziegeln kleine Hütten – unsere Buden. In solch einer Bude habe ich zum ersten Mal ein nacktes Mädchen gesehen. Sie war älter als wir, und wir kannten sie nicht. Sie suchte sich ein paar kleine Jungs auf den Höfen zusammen, und wir mußten im Schutz der Bude verschiedene merkwürdige Dinge mit ihr anstellen. Im allgemeinen jedoch war es in solch einer Bude immer sehr behaglich.

Die Großen legten irgendwann den schuttübersäten Innenhof frei, befestigten die Ränder des Trümmerhaufens zum Haus hin mit alten Ziegeln, und malten mit weißer Farbe an die Wände der unversehrten Nachbarhäuser die Fußballtore. Im Winter rodelten wir dort. Auch als Festung war sie hervorragend geeignet. Die straßenwärtigen Mauern standen teilweise noch bis zur Höhe der Erdgeschoßdecke. Nur in der Mitte, wo die Haustür gewesen war, führte ein schmaler Pfad auf den Trümmerberg, und der ließ sich zum Tauch´schen von zwei, drei beherzten Jungen leicht verteidigen. Da wir es „Tauchschorrn“ aussprachen, wobei wir die erste Silbe betonten und die zweite verschliffen, blieb uns die Herkunft des Wortes vom Namen der Stadt Taucha verborgen. Es war ein Kostümfest für Kinder, wobei das Wort Fest nicht genau den Kern der Sache trifft. Es fand alljährlich im Herbst Ende September oder Anfang Oktober statt, und seine Herkunft erklärt sich aus der Rivalität der Städte Taucha und Leipzig im Mittelalter, die zu dieser Zeit noch etwa gleich groß waren. Heute ist Taucha ein Vorort im Nordosten von Leipzig, und kürzlich hätten wir es um ein Haar eingemeindet. Wir verkleideten uns vor allem als Indianer und Trapper, das Wort Cowboy tauchte erst später in der Umgangssprache auf, und im Papierwarenladen der Schwestern Petermann, gleich um die Ecke in der Karl-Liebknecht-Straße, gab es Knallerbsen und Schminke, Indianerstutze und „Trapperhüte“ aus Papier zu kaufen. Wer beschreibt mein Erstaunen, als ich später Abbildungen sah, auf denen Trapper mit ihren typischen Pelzmützen dargestellt waren! Dieser Laden und die ältlichen Schwestern waren in unserer Gegend eine Institution. Solange es sie gab, habe ich nie ein Schulheft, einen Malblock oder einen Bleistift woanders gekauft.

Ein zünftiges „Indianerrot“ stellten wir aus zerstampften Ziegeln und Wasser selbst her, und wir schmierten es uns fachmännisch gegenseitig ins Gesicht. Alte Ziegelbrocken lagen genügend umher, und man konnte sie auch gut als Wurfgeschosse benutzen, wenn die Kinder aus des Siddsche – gemeint war die Sidonienstraße – kamen, um denen aus der Hohen ihre alljährliche Abreibung zu verpassen. Wie diese Prügeleien ausgingen, weiß ich nicht, ich war noch zu klein. Später nahm es zivilisiertere Formen an, und irgendwann verschwand Tauch´schen ganz. Auch Wiederbelebungsversuche konnten daran nichts ändern.

Unsere großen Geschwister ängstigten uns mit schauerlichen Erzählungen über die Untaten der Siddsche, und wir Kleinen versteckten uns, ängstlich und neugierig zugleich, in den Hausfluren, wenn es hieß: „De Siddsche gommd!“. Irgendwann, als ich älter geworden war, begann ich zu glauben, daß unsere älteren Geschwister die einschlägigen Einzelheiten eher aus Karl-May-Romanen entliehen hatten. Als ich längst erwachsen war, erfuhr ich aus sicherer Quelle, daß sie keineswegs geflunkert hatten. Die alljährlich wiederkehrenden Keilereien zwischen den Kindern verschiedener Straßen nahmen manchmal den Charakter von Bandenkriegen an. Einzelgänger wurden gefangen und verschleppt, man ging besser nicht allein durch feindliches Gebiet. Man fesselte sie, brachte sie in ein Versteck, und es soll zu veritablen Folterungen gekommen sein. Wenn man bedenkt, daß der Krieg 1952 erst seit sieben Jahren vorüber war, und daß das Land in weiten Teilen noch immer zerstört war, und daß viele der damals Acht- bis Dreizehnjährigen niemals ihre Väter kennenlernen würden, und daß ein großer Teil der Bevölkerung Haus und Hof und Heimat und damit seine Wurzeln verloren hatte, war das alles nicht verwunderlich. Die Väter, die nach Hause zurückgekehrt waren, waren mit sich selbst und ihren emanzipierten Ehefrauen überfordert, und die autoritären Erziehungsmethoden der vergangenen Jahrzehnte begannen sich unmöglich zu machen. Man erfand damals den Begriff der Schlüsselkinder, und letztlich hing uns allen der Schlüssel zum Zuhause an irgendeinem Bindfaden um den Hals.

Und wenn wir schon mal bei Karl May sind, sind wir auch wieder beim Thema, verlieren wir ruhig ein paar Worte über ihn. In jenen Jahren waren seine „Werke“ hierzulande nicht opportun. Seine Romane wurden nicht gedruckt, und seine Existenz wurde geflissentlich übergangen, bis es irgendwann wenigstens teilweise zu einer Rehabilitation kam. Ich weiß nicht, was die Kulturpolitiker zu dieser Haltung veranlaßt hat, aber für mich steht außer Zweifel, daß es sich neben ideologischen Bedenken auch um wirtschaftliche Gründe gehandelt haben muß. Interessant ist in diesem Zusammenhang allerdings, daß das Indianer- oder Karl-May-Museum in Radebeul niemals in seiner Existenz bedroht war, jedenfalls nicht bis zur Wende, und dann fällt mir noch ein, daß ich als Junge ein Groschenheft kaufte, in dem ein Auszug aus einem der Kara-Ben-Nemsi-Romane abgedruckt war. Damals machten die zerlesenen Bücher mit den nachgedunkelten Einbänden unter den Großen die Runde. Aus irgendwelchen Gründen bekam ich das erste Exemplar eines Karl-May-Romans erst in die Hände, als ich bereits achtzehn Jahre alt war. Ich kam nicht weiter als bis zur elften Seite, und dann hatte ich es satt und ich gab es auf. Der „herrliche Spinner aus Radebeul“ war mir verleidet, ein für alle mal.

Forts. folgt

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Bücherei – Heute: Teil 3, immer noch neben dem Thema …

Die Zeit zwischen 1945 und 1955 war eine große Gleichmacherin. Mir war natürlich bewußt, daß die Menschen, auch meine Freunde und Klassenkameraden, in Bildung, Einkommen, Herkunft und Neigung verschieden waren. Aber aus selbständigen Handwerkern und Händlern, Intellektuellen und Beamtem wurden nach den großen Fluchtbewegungen und in der Umschichtung der Zeit Proletarier wie wir, und die fähigen Ingenieure gingen entweder gleich in den Westen, oder sie stiegen erst durch ihre Einzelverträge wieder in der Hirarchie nach oben, als die Abwanderung zur Bedrohung für die Wirtschaft wurde. Wer im Osten des Reiches ein Haus, ein Grundstück oder eine Bauernwirtschaft mit ein paar Feldern, Wiesen und Kühen besessen hatte, ging in die Schwerindustrie, die Chemie oder in den Bergbau, und er wurde zum Mieter einer miefigen Hinterhauswohnung ohne Bad und Innentoilette. Es sei denn, er profitierte von der Bodenreform und wurde Neubauer. Egal, wo man einzukaufen pflegte, im Konsum-Laden, im HO-Laden oder beim privaten Kaufmann, es gab überall die gleichen Produkte zu kaufen, wenn es sie denn zu kaufen gab, und sie kosteten überall das selbe. Unsere Väter tranken das gleiche Bier und den gleichen Verschnitt-Weinbrand und wir Kinder die gleiche gelbe oder rote Limonade, manchmal war sie auch farblos und schmeckte einfach süß-sauer. Die Einführung eines Getränkes, das sich Vita Cola nannte, kam einer Revolution gleich. Sein vergleichsweise geringer Zuckergehalt, heute ein zugkräftiges Werbeargument, war damals vermutlich eher auf die knappen Ressourcen zurückzuführen. Wir besuchten keinen Kindergarten, und unsere Mütter waren nicht berufstätig, es sei denn, sie waren alleinstehend. Trotzdem wuchsen wir alle auf der Straße auf. Unsere Mütter hatten bei drei bis fünf Kindern alle Hände voll mit dem Haushalt zu tun. Es gab keine Waschmaschinen und keine elektrischen Kühlschränke. Ein alter Siemens-Staubsauger im Haushalt meines Freundes D. weckte in mir Erstaunen und Unverständnis. War große Wäsche angesagt, dann hieß das „Waschfest“, und ein solches Waschfest konnte mit allem Drum und Dran ein paar Tage dauern. So hatten sie alle Hände voll zu tun, und wir waren meist uns selbst überlassen. Beaufsichtigt wurden wir, solange es nötig war, von unseren älteren Geschwistern, oder von den Geschwistern unserer Gefährten, oder von irgendwelchen anderen älteren Kindern aus der Nachbarschaft. Die nach Altersstufen sortierten Cliquen und die Differenzierung nach „Studierten“ und „Nichtstudierten“ kamen erst später auf, und das Wir-Gefühl war für mich etwas ganz Selbstverständliches.

Natürlich gab es Ausnahmen. Im Nachbarhaus, der Nummer 29 – Vorderhaus, wohnten zwei Mädchen, eineiige Zwillinge, die mit mir gemeinsam zehn Jahre lang die selbe Klasse besuchten. Sie hießen I. und B., und ihr Vater betrieb eine selbständige Druckerei. Sie waren zwei nette, durchschnittliche Kinder ohne Hang zu Absonderlichkeiten. Sie trugen immer genau die gleiche adrette Kleidung, und ihre Haare waren stets auf die selbe Weise frisiert. Sie benutzten die gleichen Ranzen, Turnbeutel und Federmappen, und niemand, außer ihrer Mutter, konnte sie auseinanderhalten. Sie taten immer alles gemeinsam, aber sie spielten selten auf der Straße, denn sie besaßen eine Kinderstube. Lange hatte ich diesen Ausdruck für etwas rein Symboliches gehalten, das im Gezeter der alten Weiber manchmal eine Rolle spielte. Als ich jedoch gemeinsam mit den Zwillingen das erste Mal in ihrem geräumigen und kuscheligen Kinderzimmer Hausaufgaben erledigte, wurde mir der Unterschied bewußt. Unser Kinderzimmer dagegen war mit zwei Betten, einem Kleiderschrank, einem Tisch und einem Kachelofen fast völlig ausgefüllt, und mein Bücherregal, eine Eigenkonstruktion meines Vaters, war über dem Tisch an der Wand befestigt. Die Möbel waren alt und eher zufällig zusammengestoppelt, und alles war auf Zweckmäßigkeit ausgelegt. Platz zum Spielen gab es wenig. Die Zwillinge genossen eine durch und durch (klein-)bürgerliche Erziehung, und ihr Tagesablauf war streng geregelt. Wenn ich bei ihnen klingelte, um sie zum Spielen abzuholen, hieß es meist, sie müßten jetzt lernen. Deshalb ließ ich das irgendwann bleiben. Als wir in der achten oder neunten Klasse waren, erlitt eine von ihnen einen Nervenzusammenbruch, und sie nahm viele Wochen lang nicht am Unterricht teil. Anläßlich einer Klassenfete während dieser Zeit hätte ich mit der anderen beinahe etwas angefangen, aber es wurde nichts daraus. Wer weiß, was aus mir geworden wäre …

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