Ohne Fleiß kein Preis

Zu meiner Kinderzeit war unter meine Freunden und Schulkameraden ein Spiel im Schwange, das entfernt dem Rubik-Würfel glich. Es bestand aus einem Plastikrahmen, in dem man kleine Plastikquadrate hin und her schieben konnte. Auf einer Seite waren auf den Plastikquadraten Buchstaben aufgebracht, und die Aufgabe bestand darin, den Spruch „Ohne Fleiß kein Preis“ zusammenzuschieben. Manche meiner Schulkameraden vertrieben sich die Zeit während langweiliger Schulstunden unter der Bank mit diesem Spiel. Es hieß „Schiebefax“ und man konnte es für wenig Geld in allen Spiel- und Schreibwarengeschäften kaufen.

Quelle: www.puppenhausmuseum.de

Ich hatte für dieses Fleiß-und-Preis-Spiel keinen Sinn. War mir im Unterricht langweilig, und das kam oft vor, dachte ich mir Geschichten aus. Ich nahm Erlesenes, Gesehenes und Gehörtes, kombinierte es auf neue Weise und versah es mit zeitgenössischem Zubehör. Dem Andreas Hofer zum Beispiel kamen Robin Hood, der Stülpner-Karl und Klaus Störtebeker zu Hilfe, aber auch die konnten sein Scheitern nicht verhindern. Während der großen Pausen, die wir brav im Kreis spazierend und unsere Butterbrote kauend auf der abgesperrten Straße vor unserer Schule verbrachten, erzählte ich meinen Freunden die in der Stunde zuvor ausgedachten Geschichten. Nach und nach gesellten sich ein paar andere dazu, und mit der Zeit erwarb ich mir den Ruf des großen Geschichtenerzählers. Das war der Erfolg des „Raunenden Imperfekts“, und er zog sogar die Aufmerksamkeit der Mädchen auf mich. Aber leider hatte die jeweils gerade Angebetete keinen Sinn für Literatur …

Ich sah es als größtes Lob, wenn meine Freunde darauf erpicht waren, in der nächsten großen Pause zu erfahren, wie die Geschichte weiterging. Ob der Junge Peer den skrupellosen Schnapsschmugglern doch noch entkommt und die Grenzer benachrichtigen kann. Oder wie es dem Stülpner-Karl gelingt, den Förster – diesen schleimigen Adels-Knecht – in die Schranken zu weisen und letztlich der armen Bergmannswitwe zu ihrem Recht zu verhelfen. Oder wie Robin Hood den Sheriff mit Hilfe eines von Pan Ziolkowski soeben erfundenen chinesischen Raketenwerfers doch noch besiegt.

Nur die Andreas-Hofer-Story war ein Flop. Meine Freunde bevorzugten das klassische Happyend, und ich wollte keine Geschichtsklitterung betreiben. Waren die Pause und meine Geschichte zu Ende, gingen sie weise nickend, ihre Brotbüchsen zusammensteckend und hochzufrieden wieder zurück ins Klassenzimmer. Sie mußten sich keine Sorgen machen, die Guten hatten gewonnen, und morgen würde ich eine neue Geschichte erfinden. Den Fleiß und die Energie aber, die er dafür aufzuwenden hatte, spielte für sie keine Rolle.

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3 Responses to Ohne Fleiß kein Preis

  1. Renate says:

    Ich habe das Spiel seit meiner Jugend. Es hat keine Buchstaben, sondern Zahlen als Aufdruck . Ich gebe es manchmal meinen Enkelkindern zum Spielen, die sich freuen mit Omas „alten“ Spielzeug zu spielen.

  2. Axel Schmidt says:

    Hallo
    gab es von diesem Spiel auch noch andere Sprüche ?

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