Alles Marmelade, oder was?

Gleich vorab: Ich esse fast nie Marmelade. Als Zutat zu Gebäck oder Torte finde ich sie ganz angenehm, aber zum Frühstück aufs Brötchen? Nee! Ich bevorzuge das herzhafte deutsche Frühstück: Schinken, Wurst, Käse, ein Ei, und dazu Brötchen oder Vollkorntoast.
Ganz anders meine Tochter. Sie liebt das süße Frühstück: Marmelade, Konfitüre und Honig, möglichst vom Imker oder aus der Manufaktur und nicht aus der Fabrik. Ich persönlich würde den Unterschied gar nicht bemerken. Und damit ich sie zum Frühstück angemessen bewirten kann, wenn sie mich besucht, halte ich immer etwas Marmelade, Pflaumenmus und Honig vor. Den Honig muß ich ab und zu ins warme Wasserbad stellen, damit er nicht kristallisiert. Pflaumenmus und Marmelade halten sich im Kühlschrank sehr lange, und das ist der Sinn, warum man Früchte mit viel Zucker zu Mus und „Pampe“ verarbeitet.  Aber sie halten eben nicht ewig.
Hat meine Tochter, die in Thüringen lebt, sich angesagt, überprüfe ich den Inhalt meines Kühlschrankes. Die Marmelade ist verschimmelt. Also notiere ich sie auf meinem Einkaufszettel, und am Morgen fahre ich wohlgemut ins nahe gelegene Einkaufszentrum, um in meinem Lieblingssupermarkt einzukaufen. Unter anderem auch ein Glas Marmelade.
Nachdem ich alle wichtigen Sachen wie Brot, Butter, Wurst, Eier, Fleisch, Kartoffeln und so weiter in meinen Wagen gepackt habe, suche ich die Marmeladenabteilung auf. Die Gläser und Becher mit dem süßen Produkt sind ordentlich nach Früchtearten sortiert, das Angebot ist unglaublich groß. Ich schaue mir die Sache näher an, aber ich kann keine Marmelade finden. Alles nur Gelee, Mus, Konfitüre und – Fruchtaufstrich, manchmal auch Brotauftsrich aus Früchten. Und dann finde ich sie doch. In einer kleinen Ecke stehen ein paar Büchsen, die mit der Beschriftung „Marmelade“ versehen sind. Es ist Importware, und nachdem ich mühsam das Kleingedruckte entziffert habe, finde ich heraus, daß sie aus Zitrusfrüchten hergestellt ist. Der Mitteleuropäer produziert und konsumiert seit Jahrhunderten etwas aus Beeren, Kirschen und so weiter und viel Zucker, um es haltbar zu machen und nannte es „Marmelade“. Was ist hier los?

Das Problem waren die Briten. Eigentlich kann ich die Insulaner aus verschiedenen Gründen gut leiden. Aber kaum waren sie in die Europäische Union (EU), damals noch Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), eingetreten, hatten sie Sonderwünsche. Dieses paßte ihnen nicht, an jenem hatten sie herumzumäkeln. In Wahrheit stank es ihnen, daß nicht sie, sondern Deutsche und Franzosen in der Gemeinschaft das sagen hatten.
Aber zurück zur Marmelade. Ihr werdet es nicht glauben, aber das Wort „marmelade“ (etwa ‚moahrmelähd‘ gesprochen) gibt es auch im Englischen. (Pop- und Rockfans werden sich an eine gleichnamige Band erinnern.) Aber während in Deutschland (auch anderswo) die Marmelade aus jeglichen Früchten gemacht werden kann, wird moahrmelähd ausschließlich aus  Zitrusfrüchten hergestellt. Alles andere ist „jam“ (etwa ‚dschähmm‘ gesprochen.) Und damit die Briten der EWG die Stange hielten und nicht herummoserten, gibt es seit 1982 eine Verordnung, nach der in Deutschland nur noch auf Märkten angebotene, in Heimarbeit hergestellte Marmelade als solche verkauft werden darf. Es könnte ja in britischen Supermärkten zu unglaublichen Verwechslungen kommen! Alles andere hatte „Fruchtaufstrich“ zu heißen. Britische Hausfrauen verlieren den Verstand, weil sie deutsche moahrmelähd kauften, aber in Wahrheit deutsche Mehrfruchtmarmelade im Korb hatten!
Wie Ihr seht, hielten die britischen Politiker ihre eigene Bevölkerung schon damals für – nun ja – ein wenig einfältig.
Und nun haben wir den Brexit, die Briten sind draußen. Asche, Exit procedure, Finito, Kanjez, Fini! The End Of The Fairy  Tale, Britannia Rules The Waves Again! Und die Schotten sind stinksauer. Und nun kommt so ein unbedarfter Bürger wie ich daher, stutzt und fragt: „Ja, meine Fresse! Brauchen wir denn dann die Scheiß-Konfitürenverordnung von 1982 noch?“ (Von den anderen unsinnigen Verordnungen, z. B. über die Form und Größe von Gurken, ganz zu schweigen.)

Ich will endlich wieder Marmelade kaufen können, wenn meine Tochter mich besuchen kommt!

Leider notwendiger Nachtrag:
Ich erkläre ausdrücklich, daß ich kein Gegner der EU bin, man sollte sie aber reformieren und auf ihren Grundgedanken – Völkerfrieden, freier Verkehr von Menschen und Ideen und wirtschaftliche Zusammenarbeit – zurückführen. Ein Ende der EU wäre für Europa und die Welt eine Katastrophe!
Ich bin auch kein Groß-Britannien-Hasser. Die Völker des Königreiches haben auf allen Gebieten Großartiges geleistet, und als Witzbolde sind sie nach wie vor unübertroffen.

Bernd Mai

 

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One Response to Alles Marmelade, oder was?

  1. Renate says:

    Genauso geht es mir immer, wenn ich im Supermarkt bin. Es hat eine Ewigkeit gedauert, bis ich begriff, dass unsere Fruchtaufstriche eben nicht Marmelade heißen, sondern Konfitüre, weil sie aus Beeren etc. und nicht aus Zitrusfrüchten zusammen gemischt werden. Toller Artikel

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