Bücherei – Heute: Teil 6, in dem es philosophisch wird

Und damit sind wir bei einem Gegenstand, der mich Zeit meines Leserlebens bis ins fortgeschrittene Erwachsenenalter hinein beschäftigte, und der mir so manchen Verdruß bereitete. Ich meine die Einsamkeit des Lesers. Die Einsamkeit des Langstreckenläufers kennt man, nun gut, und Insider wissen um die Einsamkeit des Autors. Aber die Einsamkeit des Lesers? Ich will versuchen, zu erklären. Die Lektüre eines Buches ist, im Gegensatz zum Konsum anderer Medien, keine Sache, die man im Augenblick der Rezeption mit anderen Menschen teilen kann. Dabei denke ich vor allem an Theateraufführungen und Konzerte, an die Tausenden von Menschen bei den Rockevents in den Stadien, und selbst in einer Bildergalerie ist man nie allein. Radio hören und fernsehen kann man zwar auch ganz für sich, aber ich kenne Familien, da spielt sich die Abendunterhaltung vor dem laufenden Fernsehgerät ab, als wäre es das Lagerfeuer. Keiner interessiert sich dafür, aber wenn es ausgeschaltet ist, heult die Sippe auf. Der Leser jedoch sitzt mit seinem Buch in seinem Sessel, oder wo auch immer, und zwar allein, allein mit sich, dem Helden und dem Autor. Selbst den vergißt er, wenn es ein guter Autor ist, einer, der hinter die Geschichte zurücktritt, und der sie so geschrieben hat, daß sie wirklicher ist, als wenn sie tatsächlich passiert wäre, wie Mister Hemingstein meinte. Der Leser möchte nicht gestört werden. Er will sich auf den Lesestoff konzentrieren, und das Allerhöchste an Geräusch, das er dulden kann, ist eine leise musikalische Untermalung. Wenn ich als Kind beim Lesen war und meine Mutter mich zum Essen oder zum Geschirrabtrocknen in die Küche rief, hätte ich jedes Mal vor Verzweiflung und ohnmächtiger Wut aufheulen können.

„Wenn die Geschwister plärren und die Mutter keift, wenn der Vater nach der Pulle greift, wenn Gäste vor der Türe stehn, Leser, mußt Du stiften gehen!“
(Von mir.)

Der Versuch, öffentliche Lesehallen zu betreiben, hatte sich schnell überholt, als die Wohnbedingungen besser wurden, und ich kannte genügend Plätze, an die ich mich zum ungestörten Lesen zurückziehen konnte. Aber das ist die Theorie. Die Sache hat noch einen anderen, wenn man so will, sozial-praktischen Aspekt. In der Gesellschaftsschicht, aus der ich komme, war das Lesen von Büchern, bis auf Ausnahmen, versteht sich, nicht die Norm. Und sie ist es nach meinen Erfahrungen auch heute nicht. Der Leser, bleiben wir bei dieser sozialen Kategorie, tendiert zum Individualismus. Er entzieht sich eher dem Gruppenzwang, und er interessiert sich weniger für Sport im Verein und Motorräder in der Clique – heute erfüllen Autos diese Funktion – und Auslandsurlaub in der Reisegruppe, und einen Kleingarten schätzt er vor allem wegen der Möglichkeit, mit seinem Buch, einem Liegestuhl und einem Glas Wein hinter einer dichten Hecke verschwinden zu können. Kurz, der Leser als soziales Wesen neigt zu Absonderung, und seine Mitmenschen, die Nichtleser, begegnen Ihm mit Skepsis und Mißtrauen. Vor allem mit Mißtrauen, und das ist angebracht, denn der Leser neigt außerdem zum Nachdenken über Gott und die Welt, über Politik und Politiker, über Ökologie und Ökologen, Lehrer und Belehrte, über Künstler und Kulturfunktionäre und über seine sonstigen Mitmenschen. Ein Kerl, der lieber mit einem Buch ins Bett geht statt mit einem anständigen Rausch, und ein Typ, der lieber über Kerouac und Dostijowski redet als mit seinen sexuellen Abenteuern zu prahlen, verdirbt den ganzen Spaß und die Laune der übrigen Lehrlinge auf der Internatsbude. Und das macht einsam.

(Forts. Folgt)

 

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