Bücherei – Heute: Teil 11, in dem es um das Pressewesen geht

Die Familie meines besten Freundes wohnte einige Jahre in der Wohnung unter der unseren im Erdgeschoß, ich erwähnte es bereits. Der Vater war ursprünglich Beamter bei der Deutschen Reichs-Post gewesen, aber er arbeitete – zur Bewährung, wie es hieß – in den Chemiewerken in Böhlen. Man neigte eher zum Bildungsbürgertum, aber man kehrte es nicht heraus. Unsere Familien pflegten freundschaftlichen Umgang. Sie hatten einen großen alten Bücherschrank voller dicker alter Bücher, die von den wunderlichsten Dingen zeugten, und ich lernte, daß auch ein politisch veraltetes Lexikon sehr nützlich sein kann, und wie schnell ein Lexikon politisch veraltet, haben wir erst kürzlich gesehen. In dieser Familie war vieles anders als bei uns, angefangen bei der Wohnungseinrichtung, über Kleidung und Eßgewohnheiten bis hin zum Umgangston, und ich fand es bei ihnen allemal interessanter als bei uns. Eine erstaunliche Sache war es um den „Lesezirkel“, den sie abonniert hatten. In einer dicken schwarzen Mappe, die wöchentlich ausgetauscht wurde, befanden sich so ziemlich alle populären Zeitschriften des Landes. Auch alle unpopulären, aber die las man eben nicht. Bis zu einem gewissen Alter besaß ich keinen eigenen Wohnungsschlüssel. Kam ich aus der Schule nach Hause, und meine Mutter war wegen einer Besorgung unterwegs, oder sie war beim Friseur, klingelte ich an der Tür der Wohnung unter uns, und ich erhielt bis zu ihrer Rückkehr anstandslos Asyl, eine Glas Saft oder eine Tasse Kakao und die Gelegenheit im „Lesezirkel“ zu schmökern. Auf diese Weise lernte ich die „Weltbühne“ kennen, die wunderbaren, lustigen Zeichnungen des Berliners Erich Schmitt in der „Wochenpost“, und mein Urteilsvermögen wurde durch die Lektüre des „Eulenspiegels“ geschult. Es kann sein, daß auch das „Magazin“ ein Bestandteil des Lesezirkels war, aber es interessierte mich noch nicht. Das kam später. Damit habe ich die wichtigsten, ernst zu nehmenden Populär-Zeitschriften der DDR genannt, und heute bin ich froh, schon als Kind an ihnen partizipiert zu haben, denn der Journalismus der Republik insgesamt konnte einen Hund jammern. Manchmal verlor ich mich zwischen den Heften, ich vergaß die Zeit und es kam vor, daß meine Mutter mich heimholen mußte.

Wir hatten die regionale Tageszeitung abonniert, aber außer der Wochenendbeilage, die eine für DDR-Verhältnisse erstaunliche Qualität besaß, war das kein Lesestoff für mich. Mein Vater bezog die „Einheit – Zeitschrift für internationale Theorie und Praxis“, ein Organ der SED und völlig unlesbar, und die „Technische Gemeinschaft“, das Organ der „Kammer der Technik“, der Standesorganisation der Technischen Intelligenz. Die Zeitschrift hatte eine Rubrik „Neues aus aller Welt“, in der technische Neuerungen – wirklich aus aller Welt – in kurzen Artikeln, manchmal mit Foto, vorgestellt oder glossiert wurden. Das interessierte mich, und ich las regelmäßig die Beiträge, wenn sie mich im Niveau nicht überforderten. Ähnlich war es mit der „PRAMO“, die eigentlich „Praktische Mode“ hieß, und die meine Mutter abonniert hatte. Es war die Modezeitschrift für die werktätige Frau, ganz auf den Alltag abgestimmt, und jedem Heft lagen zu allen Modellen auch stets die Schnittmusterbögen zum Selbstschneidern bei. Am Ende eines jeden Heftes war eine kulturelle Rubrik angeordnet. Auch das interessierte mich, und die Kurzgeschichten, Feuilletons und Buchtips – auch Gedichte und Rezepte – las ich mit Vergnügen. Außerdem hatte meine Mutter den „Filmspiegel“ abonniert, eine schmalbrüstige Kino-Illustrierte, die ich nur schwarz-weiß in Erinnerung habe, obwohl ich weiß, daß sie irgendwann farbig wurde. Ich fand sie interessant, aber wie gut sie wirklich war, kann ich bis heute nicht beurteilen, jedenfalls war sie sehr informativ. Wenn ich Geld hatte, und die 60 Pfennige hatte ich irgendwie meistens, kaufte ich das „Mosaik“ – DEN Comic der DDR, und ich hörte, heute sei er Kult. Irgendwann hatte ich eine stattliche Anzahl davon, die ich strikt nach Nummern sortiert in einem Schränkchen aufbewahrte, und ab und zu nahm ich einen Stoß heraus, um die Hefte wiederholt durchzuschmökern. Ich liebte sie. Eines Tages steckte mein Vater sie alle in den Küchenherd, und zündete sie an. Viele verbrannten, einige konnte ich retten, das Feuer war schlecht gelegt. Der Anlaß wird nichtig gewesen sein. Wir haben nie, auch nicht, als ich bereits erwachsen war, darüber gesprochen. Mein Vater war ein Techniker, ein Schlosser, ein Bastler und Tüftler. Kurz vor seinem Renteneintritt wurde er ehrenhalber zum Ingenieur ernannt. Als wir Söhne alle aus dem Haus waren, richtete er in unserem Kinderzimmer eine Werkstatt mit Werkbank, Schraubstock, Werkzeugmagazin und kleinen Maschinen ein. Als M. K.`s damalige Ehefrau Annemarie K. einen Puppentrickfilm zum Thema Arbeitsschutz entwarf, entwickelte und fertigte er die Maschinenmodelle, die in dem Film eine Rolle spielen sollten. Es gibt noch heute Standfotos davon. Etliche Prüfvorrichtungen in dem Betrieb, dem er angehörte, hatte er selbst entworfen und konstruiert. Als wir noch kleiner waren, bastelte er für uns Weihnachtsgeschenke. Unser jüngster Bruder erhielt die Krönung, das Hauptwerk sozusagen, eine aus preiswerten Anfängen nach und nach um- und aufgerüstete elektrische Eisenbahn. Ich beurteilte sein handwerkliches Geschick immer kritisch, habe aber aus Respekt die Kritik nie laut geäußert. Die Feinheit und Präzision seiner Produkte ließ zu wünschen übrig, aber er schaffte es immer, daß sie – irgendwie – wunschgemäß funktionierten. Nachdem er seinen ältesten Sohn an die Pädagogik verloren hatte, hoffte er, daß ich in seine Fußstapfen treten würde. Es ist ihm aber nie gelungen, technisches Verständnis und Interesse in mir zu wecken. Und weil er es nicht verstand, und weil er keine Geduld mit mir hatte, hat er es auch nie versucht, ich meine, wirklich versucht. Hin und wieder bekam ich Werkzeug geschenkt, mit dem ich nichts anfangen konnte, und es ist mir nie gelungen, eine Bastelei bis zum Ende zu bringen. Meine Produkte aus dem Werkunterricht der sechsten Klasse, Schlüsselbrettchen, Wandkonsolen, Untersetzter, Bilderrahmen, die ich selbst ganz in Ordnung fand, nahm er gar nicht wahr. Es muß ihm auf der Seele gelegen haben, und es muß eine schwere Kränkung für ihn gewesen sein. Nur so kann ich mir erklären, daß er sich zu solch einer Tat hinreißen ließ. Später konnte ich ihn halbwegs versöhnen, als ich den Beruf eines Maschinenbauers erlernte. Ich tat es aber nicht darum, und auch nicht, weil ich das Feilen und das Bohren so liebte, sondern weil ich als Maschinist zur See fahren wollte, und weil es mir vernünftig erschien, neben der Seemannschaft einen Beruf für das spätere Leben an Land zu haben. Als ich zur Computerei wechselte, hat es ihn nicht weiter gestört, denn das war etwas, was er technisch nicht verstand, und davor hatte er Respekt.

(Forts. Folgt)

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