Bücherei – Heute: Teil 12, der vom Ruhm des Großen Erzählers handelt

Seltsamerweise hatte ich als Junge nie den Wunsch, es den Autoren meiner Lieblingsbücher gleichzutun. Bis kurz vor dem Ende der Schulzeit wußte ich nicht, was ich werden wollte. Hätte ich als Berufswunsch „Schriftsteller“ geäußert, hätte man mich für verrückt erklärt, man hielt mich sowieso für ein wenig verdreht, wie meine Mutter es ausdrückte. Heute finde ich es um so verwunderlicher, weil ich mit zwölf oder dreizehn Jahren Gelegenheit hatte, vom süßen Ruhm des Großen Erzählers zu naschen. Ich war unsportlich und körperlich nicht besonders robust. Bei meinen Mitschülern war ich wegen meiner Andersartigkeit nicht sehr beliebt, aber sie ließen mich in Ruhe, weil ich trotz meiner guten Zensuren nicht als Streber galt. Ich hatte zwei gute Freunde in der Klasse, und während der großen Pausen, die wir bei gutem Wetter brav im Kreis gehend auf der abgesperrten Straße vor dem Schulhaus verbrachten, vertrieben wir uns die Zeit, indem ich ihnen Geschichten erzählte. Meist kombinierte ich Motive aus Büchern, die ich gerade gelesen hatte, mit eigenen Erfindungen. Daraus entstanden ganz krude und abenteuerliche Geschichten, ganz wie in meinen Tagträumen, jedoch immer auch ein wenig zensiert, weil ich nicht wußte, was ich meinen Freunden wirklich zumuten konnte. Als einmal zufällig ein Vierter hinzukam, der meine Geschichten ebenfalls „klasse“ – heute würde man sagen „cool“ – fand, sprach sich das herum, und für eine längere Zeit zogen wir als Sechser- oder Achter-Trupp unsere Runden, und manchmal waren auch Mädchen dabei, und da schwoll mir dann doch der Kamm. Ich erzählte meine Geschichten, die ich aus dem Stegreif erfand, und die anderen gingen lauschend und stumm ihre Pausenbrote kauend neben mir her. Jeder wollte mir nahe sein, um mich besser hören zu können, und das schmeichelte meiner Eitelkeit und es streichelte mein schwächliches Ego. Doch Erfolg läßt sich nur durch Steigerung erhalten, und ich war gezwungen, mir ständig erstaunlichere und gewagtere Szenarien auszudenken, und ich benutzte dazu die Unterrichtsstunden. So war ich unaufmerksamer als sowieso schon, handelte mir Ärger mit den Lehrern ein, und zu Beginn der großen Pause hatte ich meist vergessen, was ich erdacht hatte. So mußte ich improvisieren, und ich begann mich zu wiederholen, und nach und nach hatten kaum noch meine Freunde Interesse an meinen Erzählungen. Vielleicht ist mir das eine Lehre gewesen, aber vielleicht war es auch so, daß mich das ständige Etwas-Erfinden-Müssen zu ermüden und zu langweilen begann, und ich beendete meine kurze Karriere als Großer Erzähler.

(Forts. folgt)

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