Ein knatschiger alter Mann

Hin und wider teilen meine kanadischen Verwandten einen Beitrag auf Facebook mit mir. (Wie neulich die Sache mit dem Taxifahrer.) Den folgenden Text fand ich wert, ins Deutsche übertragen zu werden. Um den Text herum gibt es eine „Werkgeschichte“. Und die geht so:

„Als ein alter Mann auf der Altenstation eines Pflegeheims in einem australischen Landstädtchen starb, glaubte man, daß er nichts mehr von Wert besaß.
Später, als die Krankenschwestern seine mageren Besitztümer durchgingen, fanden sie dieses Gedicht. Die Qualität und der Inhalt beeindruckten das Personal so sehr, dass Kopien angefertigt und an jede Krankenschwester im Krankenhaus verteilt wurden.
Eine der Krankenschwestern brachte ihre Kopie nach Melbourne. Das einzige Vermächtnis des alten Mannes an die Nachwelt ist seitdem in den Weihnachtsausgaben von Magazinen im ganzen Land und in Magazinen für psychische Gesundheit erschienen. …

Ich habe das Gedicht interlinear und völlig unliterarisch übersetzt.

Ein launischer alter Mann

Was seht ihr, Krankenschwestern? Was seht ihr?
Was denkst du, wenn du mich ansiehst?
Ein launischer alter Mann, nicht sehr weise,
Gewohnheitsunsicher, mit Augen, weit weg?
Der sein Essen sabbernd schlürft und nicht reagiert
Wenn du mit lauter Stimme sagst: „Versuchs doch mal, bitte!“
Er scheint nicht zu bemerken, die Dinge, die du tust.
Und immer verliert er was, eine Socke oder einen Schuh.
Der, widerstrebend oder nicht, dich tun läßt, was du tun mußt,
Mit Baden und Füttern den lange Tag zu füllen?
Denkst du das? Siehst du es so?
Dann öffne deine Augen, Schwester. Du siehst mich nicht an.
Ich werde dir sagen, wer ich bin, da ich hier sitze so still,
Wie ich es nach deinem Gebot tue, wie ich nach deinem Willen esse.
Ich bin zehn Jahre. Mit einem Vater und einer Mutter,
Brüder und Schwestern, die einander lieben.
Ein sechzehnjähriger Junge – mit Flügeln an den Füßen,
Davon träumend, bald eine Liebste zu finden.
Ein Bräutigam zu sein um die zwanzig, mein Herz macht einen Sprung.
Erinnern wir uns an die Versprechen, die ich gegeben habe.
Jetzt um die fünfundzwanzig habe ich meine eigenen Kinder,
Die meine Führung brauchen. Und ein sicheres glückliches Zuhause.
Ein Mann von dreißig Jahren. Mein Junge ist so schnell gewachsen!
Aneinander gebunden sind wir, mit Bändern, die halten sollten.
Ich bin vierzig, und meine Söhne sind erwachsen und gegangen.
Aber meine Frau ist bei mir. Ich sehe mich um, und ich trauere nicht.
Mit fünfzig noch einmal – Babys spielen um mein Knie,
Wieder haben wir Kinder, meine Geliebte und ich.
Dunkle Tage stehen vor der Tür. Meine Frau ist jetzt tot.
Ich schaue in die Zukunft und ich schaudere vor Angst.
Meine Kinder ziehen ihre Kinder auf, ihre eigenen.
Und ich denke an die Jahre, und die Liebe, die ich erfahren habe.
Jetzt bin ich ein alter Mann, und die Natur ist grausam.
Sie macht sich einen Scherz mit mir, und ich sehe aus wie ein Idiot.
Der Körper bröckelt, Anmut und Lebenskraft sind geschwunden.
Da ist jetzt ein Stein, wo einmal ein Herz gewesen ist.
Aber in diesem alten Kadaver wohnt immer noch ein junger Mann.
Und ab und zu schwillt mein Herzschlag an.
Ich erinnere mich an die Freuden – ich erinnere mich an den Schmerz.
Und ich liebe und lebe – das ganze Leben immer wieder und wieder.
Ich denke an die Jahre, allzu wenige, die zu schnell dahin gegangen.
Und akzeptiere die einfache Tatsache, daß nichts dauern kann.
Also öffne deine Augen, Mensch! Öffne und sieh –
Keinen knatschigen alten Mann.
Schau genauer hin! Sieh . . . MICH!

Weil ich der Meinung bin, daß sich die Qualität des Gedichts nicht in meiner stümperhaften Übertragung, sondern nur im Original (da reimt es sich nämlich) offenbart, hier das Original:

Cranky Old Man

What do you see nurses? . . .. . .What do you see?
What are you thinking .. . when you’re looking at me?
A cranky old man, . . . . . .not very wise,
Uncertain of habit .. . . . . . . .. with faraway eyes?
Who dribbles his food .. . … . . and makes no reply.
When you say in a loud voice . .’I do wish you’d try!‘
Who seems not to notice . . .the things that you do.
And forever is losing . . . . . .. . . A sock or shoe?
Who, resisting or not . . . … lets you do as you will,
With bathing and feeding . . . .The long day to fill?
Is that what you’re thinking?. .Is that what you see?
Then open your eyes, nurse .you’re not looking at me.
I’ll tell you who I am . . . . .. As I sit here so still,
As I do at your bidding, .. . . . as I eat at your will.
I’m a small child of Ten . .with a father and mother,
Brothers and sisters .. . . .. . who love one another
A young boy of Sixteen . . . .. with wings on his feet
Dreaming that soon now . . .. . . a lover he’ll meet.
A groom soon at Twenty . . . ..my heart gives a leap.
Remembering, the vows .. .. .that I promised to keep.
At Twenty-Five, now . . . . .I have young of my own.
Who need me to guide . . . And a secure happy home.
A man of Thirty . .. . . . . My young now grown fast,
Bound to each other . . .. With ties that should last.
At Forty, my young sons .. .have grown and are gone,
But my woman is beside me . . to see I don’t mourn.
At Fifty, once more, .. …Babies play ‚round my knee,
Again, we know children . . . . My loved one and me.
Dark days are upon me . . . . My wife is now dead.
I look at the future … . . . . I shudder with dread.
For my young are all rearing .. . . young of their own.
And I think of the years . . . And the love that I’ve known.
I’m now an old man . . . . . . .. and nature is cruel.
It’s jest to make old age . . . . . . . look like a fool.
The body, it crumbles .. .. . grace and vigour, depart.
There is now a stone . . . where I once had a heart.
But inside this old carcass . A young man still dwells,
And now and again . . . . . my battered heart swells
I remember the joys . . . . .. . I remember the pain.
And I’m loving and living . . . . . . . life over again.
I think of the years, all too few . . .. gone too fast.
And accept the stark fact . . . that nothing can last.
So open your eyes, people .. . . . .. . . open and see.
Not a cranky old man .
Look closer . . . . see .. .. . .. …. . ME!!

Anmerkung für meine deutschen Leser, Freunde und Sympathisanten:
In deutschen Pflegeeinrichtungen füttert man die Bewohner nicht, man reicht ihnen Essen. Die „Schwestern“ sind natürlich Pfleger*innen. Und im Übrigen: Wer Fehler findet, darv, autsch, darf sie behalten.
B. M.

 

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One Response to Ein knatschiger alter Mann

  1. Renate says:

    Das Gedicht gefällt mir sehr gut. Sollte ich je in eine Seniorenrensidenz, ich vermeide extra das Wort Altenheim, kommen, hoffe ich sehr, dass man mich sieht und nicht die grantige, nörgelige alte Frau. Vielen Dank, dass Du das Gedicht hier veröffentlicht hast.

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